Ordnerpflicht in der Kreisliga

Kanonen auf Spatzen

Zu Saisonbeginn hat der Württembergische-Fußball-Verband aus Angst vor Gewalt auf seinen Plätzen eine kleine Revolution losgetreten: Ordnerpflicht in allen Ligen. Die Regelung geht am Ziel vorbei, sagen betroffene Vereine. Ordnerpflicht in der Kreisliga

Helmut Thurner ist Ordner beim TV Derendigen in der württembergischen Bezirksliga. Eine der vielen Aufgaben, die er seit Jahren im Verein erfüllt. Früher trugen er und seine Kollegen lediglich eine Ordnerbinde, die hin und wieder auch mal in der Hosentasche verschwand, da eigentlich nie ein Ordner gebraucht wurde. Seit August muss Helmut Thurner aber eine signalfarbene Weste tragen, damit er für Zuschauer, Spieler und den Schiedsrichter eindeutig als Ordner zu erkennen ist. Das hat der Württembergische-Fußball-Verband (WFV) so beschlossen. Der Grund: Die Anzahl von Spielabbrüchen wegen Tumulten war groß, Schiedsrichter wurden angegriffen, einige Bezirksvorsitzende beschwerten sich über mangelnde Unterstützung, der Verband wollte etwas unternehmen.  

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Im März dieses Jahres präsentierte der WFV seine Lösungen. Eine Coaching-Zone sollte eingerichtet werden und die Kontrahenten würden sich ab sofort per Handschlag begrüßen um den Fair-Play-Gedanken zu fördern. Diskutiert wird bei den württembergischen Vereinen aktuell aber nur die Neuerung der Ordnerpflicht: Ab der Saison 2010/2011 müssen bei jedem Heimspiel der ersten Herrenmannschaft, egal in welcher Spielklasse, mindestens zwei Ordner vom Heimverein gestellt werden. Diese müssen durch signalfarbene Warnwesten eindeutig gekennzeichnet sein. So will der Verband potenziellen Störenfrieden zeigen, dass sie beobachtet werden.

»Ihr könnt gegen die Radaubrüder vorgehen!«

Die Ordnerpflicht ist ein bundesweites Pilotprojekt, denn bisher stand in den Satzungen aller regionalen Verbände nur, dass Ordner »in ausreichender Zahl« zu stellen seien. »Ausreichend bedeutete leider fast immer Null«, rechtfertigt Frank Thumm, Rechtsanwalt des WFV, die Neuregelung der Satzung. Zusammen mit Albrecht Simoneit von der Sicherheitsfirma »Securitas« ist Thumm durch Württemberg gereist und hat die neue Regelung in fast 40 Schulungen unters Fußballvolk gejubelt. Simoneit ist Profi, er war mitverantwortlich für das Sicherheitskonzept der WM 2006 und soll den Anwesenden die Arbeit als Ordner näher bringen. Als Schulung würde er die jeweils 90-minütigen Treffen aber nicht bezeichnen: »Das ist nur ein Einblick in die Thematik. Wirkliche Schulungen brauchen mehr Zeit«, meint Simoneit, der den Teilnehmern Videos zum Thema »deeskalierende Gewalt« zeigt, ihnen erklärt, wie ein Ordner am besten einen Störenfried davon abhält, den Schiedsrichter anzugreifen und seinen Zuhörern versichert: »Ihr könnt gegen die Radaubrüder vorgehen!«

»Die Zahlen sind schlecht genug«

»Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen!«, wettert Joachim Götzendörfer, dessen Welt weit weg ist von Radaubrüdern und Schiedsrichterprügel.  Er ist »Abteilungsleiter Fußball« beim TV Derendingen, einem Stadtteilklub der Universitätsstadt Tübingen: »Diese Regelung schießt über das Ziel hinaus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei uns in den letzten zehn Jahren einmal zu Handgreiflichkeiten gekommen ist«, poltert Götzendörfer. Dass der Verband nun alle Vereine gleichermaßen in die Pflicht nimmt, ist für ihn eine Lösung nach dem Gieskannenprinzip: »Anstatt uns zu bestrafen, weil es bei ein paar Vereinen nicht funktioniert, sollte man besser den Problembereichen helfen«, fordert er. Was Götzendörfer meint, verdeutlicht ein Blick auf die Statistik. Im Vorzeigebezirk »Bodensee« kam es in der gesamten Saison 2009/2010 nur zu zwei Übergriffen auf Schiedsrichter, im Problembezirk Stuttgart hingegen waren es zehn. Eine Einzellösung kam für den Verband dennoch nicht in Frage, denn niemand »kann vorhersagen, wo etwas passiert«, rechtfertigt Heiner Baumeister, Pressesprecher des WFV, die Einheitslösung. Dabei steht der Verband in Sachen Gewalt auf dem Spielfeld eigentlich nicht schlecht da. Im Laufe der letzten Saison kam es zu 388 »schweren Vergehen«, Vorfällen bei denen das Sportgericht gegen den Täter eine Sperre von mehr als drei Monaten ausspricht – und das bei 4000 bis 5000 Spielen pro Wochenende. 99,24 Prozent aller Spiele im WFV laufen also innerhalb des sportlich Erlaubten ab. WFV-Anwalt Thumm reicht das aber nicht: »Unsere Zahlen waren schlecht genug, um zu reagieren.«

»Wir nehmen auch vernünftige Zuschauer«

Ordner Helmut Thurner kann sich noch nicht für die Neuregelung begeistern, zumal er weiß, dass die Praxis in den unteren Ligen weit entfernt ist von Deeskalationsstrategien und WM-Sicherheitskonzepten: »Wir spielen auf Sportplätzen, nicht in Stadien. Da kann ich doch nicht jeden beim Reingehen kontrollieren.« Auch bei der Auswahl der Ordner darf man in Derendingen nicht immer wählerisch sein: »Wir nehmen auch vernünftige Zuschauer oder Vereinsmitglieder«, gesteht Thurner und schiebt direkt hinterher, dass die Ordner natürlich nicht »mit der Weste und dem Bier in der Hand« herumlaufen sollten.

Dass die Ordner in der Regel fachfremd sind, weiß auch WFV-Pressesprecher Heiner Baumeister. Ein Ordner, berichtet er, habe sich sogar berufen gefühlt, die Trainer in der Coaching-Zone zu maßregeln. Ob die angebotene 90-minütige Schulung Wirkung zeigt, wird sich erst noch zeigen. Bisher jedoch sind die Resultate laut Baumeister bescheiden: »In den letzten zwei Wochen hatten wir fünf, sechs Spielabbrüche. Das ist nicht besonders viel, aber auch nicht besonders wenig.« Das sei »natürlich eine rein subjektive Beobachtung«, stellt Baumeister klar, denn eine richtige Bilanz will der Verband erst in der Winterpause ziehen. Ordner Helmut Thurner nimmt die Überlegungen gelassen: »Vorher war es auch nicht anders.« Außer der Weste natürlich.