Offener Fan-Brief aus Bochum

Blauweiße Legenden

Der VfL Bochum hat sich von Trainer Marcel Koller getrennt, auch weil sich protestierende Fans Gehör verschafften. Mayer-Kowski, Autor des VfL-Blogs »Zum Blauen Blog« über Ursache und Wirkung des fan-unfreundlichen Medienechos. Offener Fan-Brief aus Bochum
Am gestrigen Sonntag hat der VfL Bochum seinen Trainer Marcel Koller entlassen. Dieser Schritt war überfällig. Und diese Trennung ist nach Ligamaßstäben gewiss kein außergewöhnliches Ereignis. Um so erstaunter muss man sein, wenn man sich die aktuellen Reaktionen von Vereins- und Medienseite vergegenwärtigt.

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Denn die Vereinsoffiziellen ließen endlich erstmals durchblicken, dass es im Gefüge zwischen Trainer, Mannschaft und Umfeld nicht mehr ganz stimmte. »Man hat gesehen, dass der Mannschaft die Überzeugung fehlt«, urteilte Finanzvorstand Ansgar Schwenken und Sportvorstand Thomas Ernst schob hinterher: »Es baut sich eine Wand auf, und wir laufen Gefahr, die Leute emotional zu verlieren.«

Doch die allermeisten lokalen und überregionalen Medien haben die Trennung mit großer Unverständnis kommentiert. Vom »12. Mann, nein danke« der Ruhr-Nachrichten bis zu Christoph Biermanns »Sie wollten seinen Kopf, und sie bekamen ihn« auf Spiegel-Online wurde der Scheinwerfer auf die angeblich undankbaren und realitätsfernen VfL-Fans gerichtet.

Dass Medien, die über den VfL wenig wissen, Artikel und Kommentare eilig zusammenschreiben und damit bei solchen Ereignissen die Vorgeschichte ausblenden, verwundert nicht. Dass aber mit Christoph Biermann ein ausgewiesener VfL-Experte ins gleiche Horn stößt, verwundert schon. Der Fan- (und damit auch Kunden-)beschimpfung der Vereinsführung folgt nun offenbar die Fan- (und damit auch Leser-Beschimpfung) von einigen Medien.

Hier ist die Frage an die Medien zurückzurichten, ob sie sich wirklich mit den Argumenten aller Seiten auseinandergesetzt haben oder ob sie nicht eher den „Spin“ des Aufsichtsratsvorsitzenden verbreiten.


Legende Nummer 1: „Koller hatte nie eine Chance in Bochum“


Ja, der Unmut richtete sich vor allem auf Trainer Koller. Aber keineswegs war es ein spontaner wütender Mob, der da am Samstag zusammenkam. Koller hatte in seiner Anfangszeit eine deutliche Mehrheit der Fans hinter sich, entweder aus Überzeugung oder weil man einem neuen Trainer eben einen Vertrauensvorschuss entgegenbringt.
Die Stimmung gegen Koller ist in zwei Etappen gekippt. Ein Teil wollte schon in der Hinrunde der letzten Saison die Trennung, ein anderer Teil kam im Laufe dieser Saison hinzu. Und die wenigsten taten dies, weil sie Koller für langweilig und spröde halten, sondern weil sein Fußball unattraktiv und erfolglos ist.
Warum wird nicht hinterfragt, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, dass der VfL mit 11 Punkten in der Hinrunde und insgesamt 32 Punkten nur glücklich dem sechsten Abstieg entronnen ist.
Warum wird nicht hinterfragt, ob es einen Zusammenhang zwischen einem biederen, statischen und leidenschaftslosen Fußball und dem wachsenden Unmut auf Fanseite?
Warum wird nicht hinterfragt, warum sich viele Spieler unter Koller nicht weiterentwickeln? Warum wird Kollers Spielweise keiner Prüfung unterzogen – vor allem im Vergleich mit der jungen Trainergeneration, die oft auch keine besseren Einzelspieler zur Verfügung hat?
Warum wird nicht hinterfragt, ob der »stärkste Kader meiner Amtszeit« (Koller) wirklich so stark ist und warum er in dieser Saison nicht signifikant verstärkt wurde?
Warum fragt niemand, warum die Transferpolitik nun im zweiten Jahr hintereinander eher mäßig erfolgreich war?


Legende Nummer 2: Die »kritischen VfL-Fans«

Wie man auf die Idee kommen kann, die VfL-Fans wären in besonderer Weise kritisch, ist mir ein Rätsel – erst Recht wenn diese These von Leuten kommt, die den Club seit Jahrzehnten kennen. Die Bochumer Fanszene ist nicht für besondere Erregungen bekannt, positiv wie negativ. Westfalen sind »schwer entflammbar«, erst Recht wenn sie sich nicht – wie die beiden Nachbarn – auf eine glorreiche Tradition berufen können. In Bochum wurde Kritik meist durch Fernbleiben vom Stadion beantwortet. Revolutionen werden hier nicht gemacht.
Geschichtliche Anekdoten wie tief fliegende Parkbänke und hoch fliegende Anti-Altegoer/Hilpert-Banner sind hier eher die Ausnahme von der Regel. Und sie gingen niemals von der Mehrheit der Fans aus.
Warum fragt eigentlich niemand, warum diese an sich sehr genügsamen VfL-Fans inzwischen so wütend und enttäuscht sind? Warum fragt niemand, wie sich der Frust über Jahr aufgebaut hat?
Warum fragt niemand, welche Mitschuld Trainer, Vorstand, Mannschaftskapitän und Aufsichtsratsvorsitzender haben, die erste Anzeichen von Kritik aus der Kurve mit Häme beantwortet und Öl ins Feuer gegossen haben?

Legende Nummer 3: Die »überzogene Anspruchshaltung«

Das dritte Märchen ist die Behauptung, die Ansprüche in Bochum würden die Möglichkeiten überschreiten. Es sei ein Wunder, dass der VfL mit seinem Budget überhaupt noch in der ersten Liga spiele. Der Satz ist so richtig wie falsch. Denn ob man als Verein, der seit 1971 in der ersten Liga – unterbrochen durch fünf Sofortwiederaufstiege aus der zweiten Liga – seine Möglichkeiten so nutzt, dass man sich dauerhaft etabliert, ist eben zunächst einmal auch Ergebnis der eigenen Strategie und nicht »Schicksal«. Dass dies gelungen ist und wir zweimal auch die Qualifikation für den UEFA-Cup erreicht haben, zeigt, dass nicht alles falsch gemacht wurde.

Kein ernstzunehmender Fan des VfL ist der Meinung, dass UEFA-Cup-Teilnahmen mehr als eine ganz seltene Ausnahme sein werden. Und jeder freut sich am Ende einer Saison, den Klassenerhalt mal wieder geschafft zu haben – vielen »Expertenprognosen« zum Trotz.
Aber was nervt, ist die Selbstgenügsamkeit und Kleinmütigkeit einer Vereinsführung, die das Minimalziel (Klassenerhalt) zum Maximalziel erklärt. Welche Mannschaft soll so motiviert werden? Und was entsetzt, ist die biedere Art und Weise wie der Verein geführt wird. Warum zieht sich der Verein freiwillig das Kostüm der grauen Maus an?
Auch wenn der statistische Zusammenhang zwischen Budget und sportlichen Erfolg nicht zu übersehen ist, gibt es dennoch Wege zum sportlichen Erfolg, die nicht allein mit der dicken Brieftasche zustande kommen: Ein intelligentes Scoutingsystem und eine strategische Nachwuchsarbeit wären hier als Beispiele zu nennen. Davon kann beim VfL aber derzeit keine Rede sein.
Warum fragt eigentlich niemand, warum dem VfL jede Idee für eine Nischenstrategie fehlt?
Warum fragt niemand, warum die positiven Impulse aus der Zeit mit Stefan Kuntz (um den es hier als Person gar nicht geht) erloschen sind?


Fazit

Es ist völlig klar, dass ein Protest wie am Samstag nur die Ausnahme sein darf. Aber vor allem dürfen Ursache und Wirkung nicht verdreht werden. Es war die ultima ratio, da viele den Eindruck hatten, eine autistische Vereinsführung würde in Lethargie versinken und es müsse was passieren.
Das einzige, was beim VfL nach Strategie aussieht, sind die gezielt aufgebauten Legenden. Alles was jetzt an Pressekommentaren zu hören und zu lesen ist, konnte man auch schon in Interviews vor allem von Werner Altegoer lesen.

Moderne Unternehmen vertreten im Übrigen einen Stakeholder-Ansatz. Dies heißt: man nimmt das ganze Unternehmensumfeld – vom Mitarbeiter bis zum Kunden – ernst und bezieht es in die Kommunikationsstrategie ein. Sie horchen früh in ihre Kunden hinein und suchen den Dialog. Beim VfL setzt man zwar auf kraftmeierische Werbe- und PR-Kampagnen (Leitbild, »Wir sind unbeugsam«-Trikots) aber erwartet von Fans sonst nur zahlenden Gehorsam. Es musste erst »knallen« bis die Vereinsführung verstanden hat, was in den Köpfen der Fans vorgeht

Der Autor ist Betreiber des Bochum-Blogs »Zum Blauen Blog«