Offener Brief an den FC Bayern München

„Ihr macht die Liebe kaputt“

„Das ist populistische Scheiße“, brüllte Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, als die dürftige Atmosphäre in der Allianz-Arena zur Sprache kam. Das kann Ralf Schiller als Fan nicht so stehen lassen – und greift zur Feder. imago images
Zu Händen
Herrn Uli Hoeneß und
Herrn Karl-Heinz Rummenigge



Immer wieder gehen mir seine Worte durch den Kopf: „Das ist eine populistische Scheiße..“ Es stimmt mich traurig. Traurig weil er... „unser“ Uli Hoeneß so fehl liegt...

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Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, am Montagabend an der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München teilzunehmen, um Herrn Rummenigge und Herrn Hoeneß auf das mir so wichtige Thema „Stimmung der Bayern-Fans“ anzusprechen. Gut, dass ich es nicht getan habe. Andere haben es getan. Ich wäre noch mehr frustriert.

Ich bin 38, Abteilungsleiter, Ingenieur, Vater, habe zig Jahre Kreisliga gekickt, ein wenig Bezirksliga, ein paar Jahre als Coach gearbeitet, und als ich 5 war, wurde ich Bayern-Fan. Ich bin inzwischen auch Mitglied beim FCB, auch wenn ich mir trotzdem die Eintrittskartenkarten von dubiosen Händlern bei eBay ersteigern muss. Ich zähle Ihnen dies nur auf, damit Sie sich ein Bild machen können.

Ich bezeichne mich als richtigen Fan. Einer, der versucht, die 350km ins Stadion möglichst oft zu schaffen. Einer, der den Fußball liebt, die Stimmung und die Atmosphäre im Stadion. Einer, der Tränen unterdrücken muss und dem es eiskalt den Rücken runterläuft, wenn Mehmet seine letzte Runde dreht. Einer, der die Gesänge liebt, der gerne lauthals die Mannschaft unterstützt. Einer, der vor wenigen Tagen beim Pokalspiel gegen Gladbach den schwärzesten Tag in seinem Fan-Dasein erlebt hat.

Sie versprachen uns, mit der Allianz-Arena werde alles viel besser. Vor allem die Stimmung. Keine Leichtathletikbahn mehr, näher am Spielfeld. Die Teilung der Südkurve in Süd und Nord - Verdopplung unserer Stimmgewalt. Die Verbannung der Gästefans, oben irgendwo ins Eck. HA! Ein lautes HA! Kann ich da nur sagen.

Denn das Ergebnis ist mehr als frustrierend. Die Stimmung wurde in der Allianz-Arena deutlich schlechter, und mit all den Sanktionen und »modernen Eventbeschallungen« sank sie auf den Nullpunkt. Dieser Nullpunkt war, für mich persönlich, dieses letzte Pokalspiel gegen Mönchengladbach. 90 Minuten war nichts, rein gar NICHTS, null, keine Gesänge oder Unterstützung seitens der Bayern-Fans zu hören, ausgenommen dreimal mittelmäßiger Torjubel und einmal der Versuch eines „Bayern, Bayern“...

Und stattdessen? 90 Minuten wird man von feiernden, zahlenmässig weit unterlegenen Gladbach-Fans beschallt. 90 Minuten musste ich mir die Gesänge anhören. Aber was heißt 90 Minuten? Es ging danach im obligatorischen Stau vor der U-Bahnstation weiter, im Bahnhof, in der U-Bahn etc. Ich habe mich zum ersten mal geschämt, Bayern-Fan zu sein, stop! Ich erweitere meine Aussage: Ich war neidisch! Furchtbar neidisch, dass uns diese Zweitliga-Fans die Show gestohlen haben, dass der Sieg bitter wie eine Niederlage schmeckte.

Und eins will ich Dir sagen, Uli, entschuldige, wenn ich Dich duze, aber wenn wir über Dich reden, nenn ich Dich immer Uli. Du hast in diesem einen Fall nicht Recht. Es ist keine populistische Scheiße, sondern die Stimmung ist (um deine Wortwahl zu benutzen) richtig Scheiße – und Ihr habt Schuld daran!

Ich will Fußball sehen und erleben! Dazu gehört die Stimmung im Stadion. Und die ist nicht mehr vorhanden. Oder meinst Du, dass Gequäcke von diesem Pausenclown von Stadionsprecher macht Stimmung? Entschuldige, aber diese Selbstbeweihräucherung, eine Krankheit die sich auch inzwischen bei vielen Sportreportern verbreitet hat, nervt gewaltig.

Aber vielleicht bin ich von einer aussterbenden Art? Vielleicht sitzt man nur noch gemütlich rum, trägt Handschuhe, isst Popcorn, trinkt Prosecco und schaut sich das Spiel an?

Vielleicht habe ich unrecht?

Vielleicht will man diese Art von Fußballbegeisterung nicht mehr?

Liege ich so weit daneben, wenn ich die Gesänge hören möchte, mein Bierchen in der Pause schlürfen möchte und dazu noch eine Wurst esse?

Sollen wir echte Fans verschwinden?
Sind wir am Aussterben oder zum Aussterben verurteilt?

Sag mir, Uli: „Wir brauchen so einen wie Dich nicht mehr.“
Sag mir Karl-Heinz: „Die Kohle kommt von anderen, wozu denn noch Dich Fußballgröhler auf den billigen Plätzen?“

Wenn das dein Ziel ist, oh mein geliebter FCB, dann werden sich unsere Wege trennen müssen. Man sagt, ein echter Fan sucht sich nicht seinen Verein, sondern der Verein sucht sich das Herz des Fans. Und man bleibt seinem Verein auf ewig treu. Das war und ist für mich immer die goldene Regel. Durch dick und dünn - aber Ihr macht diese Liebe kaputt.

...und ich spüre, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt.


Vielleicht kommen diese Zeilen irgendwo an... vielleicht macht sich der ein oder andere mal ein paar Gedanken... die Hoffnung stirbt zuletzt.

Euer Ralf Schiller