Oberligist castet komplette Mannschaft

Aus dem Recall

Als den Kickers Pforzheim im Winter das Geld ausging, ließ sich der Oberliga-Klub eine innovative Notlösung einfallen. Die Pforzheimer veranstalteten ein Fußballer-Casting.

Jasmin Höger Photography

Eine Schnapsidee ist eine Idee, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung unter Einfluss von Schnaps klug erschien, sich aber später als dumm herausstellt. Darum haben die Kickers Pforzheim auch zum Bier gegriffen. »Aus einer Bierlaune heraus«, wie Trainer Alexander Freygang erzählt, kam den Vereinsverantwortlichen die Idee, eine neue Fußballmannschaft zu casten. Und die Idee stellte sich als gut heraus. Denn heute sagt Freygang: »Wir haben eine Truppe aus talentierten, charakterstarken Spielern.« Aber der Reihe nach:

Am 8. Dezmber 2014 feierte der SV Kickers Pforzheim in der Oberliga Baden-Württemberg einen 1:0-Sieg gegen den Kehler FV. Der Verantwortlichen setzten sich nach dem Sieg zu einem Prä-Winterpausen-Bier zusammen. Es ging um die Existenz des Vereins. Denn die Mannschaft konnte sich mit dem Sieg im letzten Hinrunden-Spiel zwar gerade noch von den Abstiegsrängen entfernen, aber die Kickers standen vor dem Aus. Weil Sponsoren absprangen und zu den Spielen nicht so viele Zuschauer kamen wie angedacht, war der Verein zahlungsunfähig. Beinahe die komplette Mannschaft verließ zur Winterpause den Klub, die Verantwortlichen überlegten gar, ob man sich vom Spielbetrieb abmelden sollte.

»Wir fragten uns, ob wir uns lächerlich machen.«
Doch dann kam beim Abschluss-Bier die Casting-Idee auf. Gebraucht wurden Spieler, die in der Oberliga spielen wollen, ohne Geld dafür zu bekommen. Ein kühnes Vorhaben, aber mit einer kräftigen Wir-haben-ja-nichts-zu-verlieren-Mentalität und einer Prise Voreile war schnell ein Facebook-Aufruf gestartet. »Als dann viele Spieler zugesagt haben, fragten wir uns, ob wir es wirklich tun sollen oder ob wir uns damit nicht lächerlich machen«, erzählt Freygang. Schlussendlich beschlossen die Verantwortlichen, das angefangene Unternehmen durchzuziehen. Bei zwei Castings wurden jeweils zehn Spieler ausgewählt. Diese erwiesen sich als die Besten im »Holländer-Spiel«, ein Kleinfeldspiel nach Punkten. Im »Recall« mussten sich die zwanzig Außerwählten nach einer gewöhnlichen Trainingseinheit einem Bewerbungsgespräch stellen.

Mit ihrem Casting sind die Pforzheimer zwar nicht die Pioniere des Fußballer-Votings. In Afghanistan ging 2012 eine Casting-Show auf Sendung: Die Zuschauer konnten drei Fußballer der acht Erstligateams zu Stammspielern wählen. Doch die Idee war ausgefallen genug, um zu funktionieren: Zur Rückrundenvorbereitung hatten die Kickers einen 22-Mann-Kader zusammengestellt, vier Spieler waren bereits in der Hinrunde dabei. »Die Spieler kommen zum größten Teil aus unteren Klassen, es sind auch fünf A-Jugendspieler dabei. Die Mannschaft hat einen Altersdurchschnitt von 20,5 Jahren«, erzählt Freygang von seinen unerfahrenen Spielern.

»Das Risiko ist, dasss wir in jedem Spiel die Mütze voll bekommen.«
Dennoch eine wettbewerbsfähige Truppe, wie der Trainer meint: »Wir konnten schon beim Casting sehen, dass ein paar Kanonen dabei sind. Jetzt sagen selbst die Kritiker: So schlecht sieht’s ja gar nicht aus!« Es ist eine Mammut-Aufgabe, die in der Rückrunde auf die blutjunge Mannschaft wartet. Immerhin ist es schon der gestandenen Oberliga-Truppe erst im letzten Hinrunden-Spiel gelungen, von den Abstiegsplätzen loszukommen. Ein Abstieg ist der Mannschaft nicht anzukreiden. Auch aufgrund des Geldmangels. Denn selbst, wenn die Mannschaft überraschend die Klasse hält, kann der finanzielle Engpass den Abstieg verursachen. Freygang, der bis Saisonende gemeinsam mit dem ehemaligen Kapitän der Mannschaft, Daniel Reule, das Trainer-Tandem bildet, sieht bei dem ganzen Unternehmen daher nur ein Risiko: »Dass wir in jedem Spiel die Mütze voll bekommen.«

Bislang sieht es nicht danach aus. In den Vorbereitungsspielen konnte die gecastete Mannschaft auch gegen die gleichklassigen Stuttgarter Kickers II mithalten und die Pforzheimer haben die Leichtigkeit des vermeintlichen Außenseiters auf ihrer Seite. »Jedes Spiel ist für uns wie ein Pokalspiel. Wir versuchen, zu überraschen. Woche für Woche«, sagt Freygang. Das erste Pokalspiel ist am Samstag gegen den Tabellenfünften aus Ravensburg. Die Kickers Pforzheim haben dabei nichts zu verlieren.