Nürnberger Abstiegskampf mit Josip Drmic

Die Lebensversicherung

Die Schweizer wollten ihn nicht haben, die Nürnberger wollen ihn nie wieder hergeben: Mit seinen 15 Toren hält Josip Drmic den »Club« im Abstiegskampf am Leben.

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Der Patient atmete kaum noch. Er lag am Boden, schlaff, träge, und die Experten fanden heraus, dass es so etwas in über 50 Jahren Bundesliga noch nie gegeben hatte: ein Fußballverein, der eine komplette Hinrunde ohne Sieg geblieben war. Die Bilanz des Grauens las sich so: 17 Spiele, 17 Tore, Platz 17. Nur Eintracht Braunschweig stand schlechter da als der 1. FC Nürnberg. Doch der Aufsteiger hatte immerhin drei Siege erringen können.
 
Wie sollte es also weitergehen? Wer konnte den »Club« noch retten? Gertjan Verbeek, der seit Ende Oktober ebenso glücklos wie sein Vorgänger Michael Wiesinger versucht hatte, die bizarre Sieglos-Serie zu durchbrechen? Martin Bader, der Sportchef, der trotz des Abstiegskampfes seinen Humor nicht verloren hatte und immerhin Kampfansagen für die Rückrunde aussprach: »Es heißt: Sturzhelm auf und durch!«
 
Oder doch einer der Spieler?
 
Es gab da zumindest einen, der in der Hinrunde für ein paar Glanzmomente gesorgt hatte. Sein Name: Josip Drmic, Stürmer, sechs Treffer in 17 Spielen, dazu ein paar Vorlagen. Wenige Monate zuvor hatte Drmic noch in der Schweiz gespielt, doch dort war er eher misstrauisch beäugt worden.
 
Der Stürmer mit den kroatischen Wurzeln ist in Bäch, Kanton Schwyz, aufgewachsen. Er spricht perfektes Schwyzerdütsch, spielte in seiner Jugend für Teams wie FC Freienbach oder FC Rapperswil-Jona, er kennt jede Straßenecke, jeden Bolzplatz in seiner Gemeinde. Sein Ziel war die große weite Fußballwelt, einmal gegen seine Vorbilder spielen, gegen Neymar oder Ronaldo, und natürlich für die Schweizer Nationalmannschaft.

Die skeptischen Schweizer
 
Doch so einfach war das am Anfang nicht. Denn zuerst wurden in seiner Heimat sämtliche Klischees erfüllt: Die Schweizer, so heißt es ja gerne, sind ordentlich und ein bisschen pedantisch, manchmal misstrauisch und vor allem sehr langsam. So dauerte es einige Zeit, bis Drmic endlich offiziell Schweizer wurde. Für den Einbürgerungstest hatte er sich zwar vorbereitet, doch plötzlich löcherten ihn dort zehn Prüfer mit Fragen. In der Aufregung vergaß Drmic, wie viele Menschen in seinem Heimatdorf leben und wie die Nachbargemeinden heißen. Er fiel durch. Zweimal. »Ich fühle mich als Schweizer. Was soll ich denn nun machen?«, sagte er.
 
Das war im Mai 2009, und Drmic spielte damals bereits für die zweite Mannschaft des FC Zürich, wo sie langsam realisierten, was für ein Supertalent durch die gegnerischen Strafräume wirbelte. Drmic schoss in 26 Spielen 15 Tore und debütierte am 6. Februar 2010 unter dem damaligen Trainer Bernard Challandes in der Super League.
 
Und als die Sache mit der Einbürgerung endlich geklappt hatte und die Vereinsfunktionäre sowie Trainer ihren Nachwuchsstürmer doch gerne gehalten hätten, standen die Sportdirektoren aus dem Ausland schon vor der Tür. Einer von ihnen war Martin Bader vom 1. FC Nürnberg.
 
In Zürich musste jetzt doch alles entgegen der Gewohnheit sehr schnell gehen. Man versuchte Drmic, einen Wechsel auszureden. Guck dort, sagten sie, all die Schweizer in den europäischen Topligen, die es nicht geschafft hatten. Bist du wirklich schon gut genug? Doch Drmic hörte nicht auf sie, sondern auf seine Familie und seine Freunde.

Viertbester Torjäger der Liga
 
Unter Wiesinger lief es okay, unter Verbeek explodierte der Stürmer. Sportchef Bader erklärte das einmal in der Frankfurter Rundschau«: »Der Trainer schaute sich stundenlang Videos von ihm an. Und wenn man Fußballer wie Josip Drmic hat, muss man ihre Qualität einbringen.« Sturzhelm auf und durch. Mit Erfolg.
 
In Nürnberg hat ihn kürzlich sein Mitspieler Markus Feulner eine »Lebensversicherung« genannt. Tatsächlich gibt es momentan nur drei Stürmer, die in der Torjägerliste vor ihm stehen: Mario Mandzukic, Robert Lewandowski und Adrian Ramos. Bayer Leverkusen und Hertha BSC sollen interessiert sein. Drmic findet das »krass«, in dieser Liste zu stehen.