Norwich-Fans boykottieren Sitzplätze

Ein Königreich für 'nen Steher

Warum sich Teile der Fanszene von Norwich City standhaft weigern, während der Spiele ihre Sitzplätze einzunehmen. 

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Norwich City erlebt gerade eine schwierige Zeit – auf dem Rasen und auch abseits. In der zweitklassigen Championship waren die »Kanarienvögel« zuletzt siebe Spiele ohne Sieg geblieben, ehe sie am Samstag ein erlösendes 3:1 über Sheffield Wednesday feiern durften. Und auch auf den Rängen gibt es reihenweise Probleme. So weigert sich eine besonders aufmüpfige Fangruppierung standhaft, während der Heimspiele auf ihren Sitzen Platz zu nehmen. Stattdessen rekultiviert der einflussreiche »Barclay End Norwich Supporters' Club« eine Fankultur alt-englischer Prägung: Man singt die Mannschaft 90 Minuten lang im Stehen nach vorn. Auch am Samstag gegen Wednesday. Dazu skandierten sie trotzig: »We are stayin' up.« 

Das Problem: In den beiden höchsten englischen Spielklassen ist permanentes Stehen seit den 1990er-Jahren per Gesetz verboten. So genannte Stewards weisen einen im Stadion freundlich zurecht, wenn man im Eifer des Gefechts aufspringt und länger als ein paar Sekunden stehenbleibt. Die strenge Vorschrift ist eine Konsequenz aus dem 1992 veröffentlichten Taylor-Report, in dem die schreckliche Katastrophe von Hillsborough aufgearbeitet wurde. Dort waren 1989 beim FA-Cup-Halbfinalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest im Gedränge eines völlig überfüllten Stehplatzsektors 96 Liverpool-Fans ums Leben gekommen. Die zentrale Empfehlung des Untersuchungsleiters Lord Taylor lautete anschließend: Umwandlung der Stadien in reine Sitzplatz-Arenen. Sie wurde rigoros umgesetzt.

Der gemeine Engländer ist ordnungsliebend

Das Erstaunliche ist: Im Großen und Ganzen achten die Fans auf der Insel diese Vorgabe. Seit einem Vierteljahrhundert verfahren sie nun nach dem »englischen Prinzip«: Sitzen, gucken, mitfiebern, aufspringen, jubeln oder Haare raufen – und dann wieder brav hinsetzen. Selbst die stiernackigsten Alt-Hooligans mit ihren Stone-Island-Jacken und Burberry-Basecaps halten sich in der Regel daran. Schließlich ist der gemeine Engländer sehr ordnungsliebend. An einer Londoner Bushaltestelle tanzt ja auch niemand aus der Reihe, wenn es ums Einsteigen geht – von deutschen Schülergruppen mal abgesehen.

Doch in Norwich regt sich wachsender Widerstand gegen die Reglementierung. Aus Sicht des »Barclay End Norwich Supporters' Clubs« ist das Konzept der reinen Sitzplatzstadien schon lange überholt. Schließlich könne man in Deutschland Woche für Woche erleben, dass klug geplante Stehplatz-Tribünen keineswegs ein Sicherheits-Risiko darstellen. Fanclub-Gründer Neil Thomas erklärte gegenüber der BBC: »Wir setzen uns schon seit einer ganzen Weile für die Schaffung von sicheren Stehplatz-Bereichen ein, auch wenn dafür natürlich eine Gesetzesänderung her müsste. Die Leute wollen einfach stehen, wenn sie sich in einem der stimmungsvolleren Bereiche des Stadions aufhalten.«