Nordirlands größte Legende: George Best

Immer neben der Damentoilette

Vorprogrammiert war daher, dass die beiden regelmäßig aneinandergerieten. Charlton strafte durch demonstrative Verachtung. Zwischen ihnen stand der Schotte Denis Law, der mal der einen, mal der anderen Partei zugeneigt war. Der überhaupt ein bisschen schizophren wirkte. Einerseits ein rührender und völlig gesittet lebender Familienmensch, der sich aber immer mal wieder in emotionale Ausnahmezustände hineinsteigerte, um seinem irrationalen Hass auf England im Allgemeinen und die englische Nationalmannschaft im Besonderen Zucker zu geben. Auf dem Spielfeld meistens ein begnadet lauffauler Abstauberkönig, der aber bei besonderen Anlässen auch Sololäufe im Repertoire hatte, die die von Best noch in den Schatten stellten.

Der bei seinem Kurzaufenthalt in Italien möglicherweise auch Schauspielunterricht genossen hatte, denn so gockelhaft überheblich stolzierte zu dieser Zeit kein zweiter Spieler über ein britisches Fußballfeld, was dem privat wohltuend selbstironisch auftretenden Mann krass widersprach. Aber zuerst und zuletzt war er »the King«, schon weil er die meisten und wichtigsten Tore schoss.

Der beste Platz ist immer neben der Damentoilette

Ein wichtiges Datum in der Fußballtrivialgeschichte Manchesters war der August 1965. Da verpflichtete City nämlich Mike Summerbee, in dem Best den idealen »drinking buddy« fand. Man freundete sich schnell an und machte gemeinsam die Stadt unsicher. Alles noch völlig harmlos und aus heutiger Sicht rührend naiv. Zunächst bevorzugte man jene Coffeebars, in denen Heerscharen von Büromäuschen ihre Mittagspause verbrachten. Best war da noch kein Anmachertyp, hatte jedoch schnell heraus, dass er bei Frauen Mutterinstinkte weckte. Die Affären waren zahlreich, aber noch frei von Komplikationen, nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit die Pille frei zugänglich wurde.



Bald darauf erweiterten die beiden immer topmodern gekleideten und mit ausgesuchter Höflichkeit auftretenden Kicker ihr Jagdrevier um Manchesters Nobeldisco »Le Phonographe«, wo auch die örtliche Halbwelt verkehrte. Sie trauten sich noch nicht, jemanden anzusprechen, weil sie sich für ihre provinziellen Dialekte schämen, postieren sich aber stets strategisch günstig neben der Damentoilette, wo die Mädels ja vorbeikommen mussten. Bests späteres Verhängnis, sich weit weniger für die Teenies, die sich an den Fenstern von Uniteds Mannschaftsbus die Näschen plattdrücken, zu interessieren, als für ältere Frauen, die oft mit Typen verheiratet waren, die ihm wirklichen Ärger machen konnten, nahm hier seinen Anfang.

Die Geschäftswelt

Und weil Manchester ein großes Dorf war, wusste Busby immer bald alles. Die Standpauken, die er seinem Lieblingsschüler mit gütiger Strenge erteilte, wurden länger und intensiver. Exakt 276 Tierfiguren befanden sich auf dem Tapetenmuster der Rückwand von Busbys Büro, weiß Richard Kurt (in »Red Devils – A History of Man United’s Rogues and Devils«) zu berichten, denn Best hatte sie bei diesen, äußerlich mit stoischer Gelassenheit ertragenen Appellen an seine Vernunft immer wieder stumm durchgezählt. Nun eröffneten Best und Summerbee gemeinsam ihre mythenumrankte Boutique »Edwardia« im südlichen Vorort Sale.

Es dürfte wohl nur wenige andere Herrenausstatter gegeben haben, deren Kundschaft sich fast ausschließlich aus überwiegend minderjährigen Mädchen rekrutierte. Während Summerbee später ein echtes geschäftliches Interesse an Mode entwickelte und heute sein Geld mit der Herstellung maßgeschneiderter Hemden verdient, gestand Best freimütig, dass pulling birds sein Hauptmotiv für die finanzielle Beteiligung gewesen sei. Folglich investierte er später noch in weitere Klamottenläden.

Paralleluniversum von Sex, Pop und Fußball

Für eines der beiden Lokalderbys der Saison 1966/67 gab der »Daily Express« eine Farbsonderbeilage heraus. Unter der Headline »March of the Mods« posierten die beiden Jungunternehmer vor dem Shop und strahlten coole Selbstsicherheit aus. Summerbee sah in seinem dezent hellblauen Outfit tatsächlich wie der perfekte Mod aus und hätte auch neben Steve Marriott bestehen können. Best, der die deutlich längeren Haare hatte, trug ein ockergelbes Sakko, einen schwarzen Rollkragenpullover, enge schwarze Hosen und schwarze Stiefeletten. Für einen deutschen Betrachter waren das Bilder aus einem Paralleluniversum, in dem Fußball tatsächlich etwas mit Sex und Pop zu tun hatte.

Best wurde zu jener Zeit von United mit 125 Pfund in der Woche entlohnt, und durch Nebeneinnahmen kam ungefähr noch einmal die gleiche Summe herein. Auf Empfehlung Denis Laws beschäftigte er mit Ken Stanley einen Agenten, der drei Sekretärinnen brauchte, um die einlaufenden Angebote zu sondieren. Jeder wollte sich mit Bests Namen schmücken, und in dessen Vokabular war das Wort »nein« so gut wie nicht vorhanden.

Also verfassten Ghostwriter die ersten Kolumnen, in denen George sich kenntnisreich über Mode, Musik, Autos und gelegentlich auch Fußball äußerte. In Anzeigen und später auch TV-Spots wurde für Rasierwasser, Fußballschuhe der Marke Stylo, Kaugummi, Regenschirme und Unmengen von Klamotten geworben. Er absolvierte erste Auftritte auf dem Laufsteg und machte dabei eine ebenso gute Figur wie beim Besuch in der Musikshow »Ready, Steady, Go!«.