Nordirlands größte Legende: George Best

Fußball und Pop

George Best, als 15-Jähriger in Belfast entdeckt, war United vom raubauzigen Scout Bob Bishop als »Genie« offeriert worden, seine allererste Leistung war daher, dass er an dieser Erwartungshaltung nicht scheiterte wie etliche andere Sturmhoffnungen, Alex Dawson oder Mark Pearson etwa. Im Gegenteil, er übertraf sämtliche in ihn gesetzten Hoffnungen. Und für alles, was die spätere Legende Best ausmachte, wurde der Grundstein in den ersten fünf Jahren seiner Karriere gelegt, als United tatsächlich den europäischen Gipfel erklomm.

...damals immer nur seinen Arsch gesehen

Am 14. September 1963, dem Tag, an dem Best in der ersten Division debütierte, sprang »She Loves You« von den Beatles an die Spitze der englischen Charts, wodurch der Rummel um die Fab Four endgültig Züge von Massenhysterie annahm. Beim 1:0 gegen West Brom erzielte der 17-jährige Wunderknabe natürlich keine vier Treffer, wie der »Spiegel« in seinem faktenfehlergesättigten Nachruf behauptete (das Tor schoss Besties gleichaltriger Kumpel David Sadler), spielte aber als Rechtsaußen seinen Widersacher Graham Williams in aufreizender Manier schwindlig.

Noch Jahrzehnte später trat Bests erstes Schlachtopfer in TV-Sendungen auf: »Zeigt mir endlich mal ein Foto von dem Kerl, ich habe damals immer nur seinen Arsch gesehen.« Die Regionalpresse horchte auf, aber Busby ließ es bei dem ersten Eindruck bewenden und versteckte seinen Rohdiamanten wieder in der Reserve. Best tauchte erst zum Jahresende wieder regelmäßig in der ersten Mannschaft auf und schoss beim 5:1 gegen Burnley sein erstes Ligator.

Ins Taxi kotzen

Doch der Dämon Alkohol hatte da schon seine Krallen nach ihm ausgestreckt: Bei einem Jugendturnier in Zürich wird er von Teamkollegen nach Strich und Faden abgefüllt. Er kotzt ein Taxi voll und muss den Rest der Nacht die Wände des Hotelzimmers um sich rotieren lassen. Wie von allem bekommt Busby auch von diesem Fehltritt Wind, hält den Vorfall aber für eine der unter jungen Burschen nun einmal üblichen Initiationsriten. Einer der absoluten Leistungsträger Uniteds in den frühen 60ern war Dennis Violett, dessen 32 Ligatore aus der Saison 59/60 noch immer Vereinsrekord bedeuten. Er war ein schmächtiger, aber unglaublich wendiger Halbstürmer mit feiner Technik und einem Mordsbumms in beiden Beinen. Und einem Mordsdurst.



Jeder wusste es, aber man tuschelte nur hinter vorgehaltener Hand darüber: Violett säuft und zwar weit über das unter britischen Fußballern übliche Maß hinaus. Hilfsangebote von Vereinsseite: keine. Busby griff zu einer Strategie der Konfliktlösung, die er, wenn irgendwas nicht in sein biederes Weltbild passte, gerne praktizierte. Das Thema wurde zum Tabu erklärt, man duldete Violett so lange er als Torfabrik funktionierte, dann schob Busby ihn still und heimlich zu Stoke City in die 2. Liga ab. Best hatte später mehr Glück. Denn die Zahl der Menschen aus dem Umfeld des Vereins, die sich nach Kräften bemüht haben, ihm zu helfen, die ist Legion. Vielleicht sind aber doch nur die Gene Schuld: Bests Mutter Ann, die stets völlig abstinent gelebt hatte, griff erst zur Flasche, nachdem sie im Alter von 43 ihr letztes Kind zur Welt gebracht hatte. Sie starb mit 54 als Säuferin.

Zaghafte Annäherung zwischen Fußball und Pop

In Manchester und Belfast hatte es Best bereits zu begrenztem Ruhm gebracht, jetzt galt es, Großbritannien zu erobern. Der Tag, an dem dies geschah, war der 30. September 1964 und die Bühne dafür war intelligent gewählt. Denn ausschließlich London war es, wo die wirklich wichtigen Schlagzeilen produziert wurden, und damals, als es im Fernsehen nur sehr wenig Fußball zu sehen gab, war der Einfluss der gedruckten Sportberichterstattung noch ungleich größer als heute. Da traf es sich gut, dass ManUnited, nach allenfalls mittelprächtigem Saisonstart, beim ungeschlagenen Tabellenführer Chelsea antreten musste, schon damals der Lieblingsverein der Londoner Bohème und Society.

Vor 60.000 Zuschauern, die angesichts seiner schon aufreizend arroganten Dribblings bald johlten wie beim Stierkampf und ihn schließlich mit Standing Ovations verabschiedeten, lieferte Best ein Spiel ab, dass mit Sicherheit zu den fünf besten seiner Karriere zählt. Er treibt seinen direkten Gegenspieler Ken Shellito in einen Wahnsinn, von dem sich dieser niemals erholen sollte. Er umkurvte mühelos zwei, drei Gegner und setzte dann zu seltsamen Doppelpässen an, indem er den nächsten Kontrahenten einfach in voller Absicht anschoss. Er erzielte auch ein eigentlich unmögliches Tor, in dem er sich in einen Rückpass von Hinton zu Keeper Bonetti mogelte. Best bot all das und noch mehr, aber er machte es anders, selbstverliebter, kreativer und dreister als die unzähligen Fummelkönige, die es immer schon gegeben hatte und die sich an einem guten Tag auch in einen Trancezustand spielen konnten, in dem sie nicht aufzuhalten waren.

Best packt den Zeitgeist

Auf unbewusste Weise brachte er die jugendliche Spiel- und Lebensfreude, die diese Ära in der Rückschau so besonders machen, zum Ausdruck. Er packte den Zeitgeist, der gerade im Begriff war, London zur wichtigsten Stadt der Welt zu machen, bei den Hörnern und spielte ihm frech den Ball durch die Beine. Sein Auftritt, der die Selbstsicherheit dessen, der einfach weiß, dass er über Klasse und Charisma verfügt, mit rotziger Aufmüpfigkeit gegen tausend bisher nicht hinterfragte Konventionen paarte, war der vielleicht erste zaghafte Ansatz, die Subkulturen des Fußballs und des Pop zueinander finden zu lassen.

Und die hatten bis dahin kaum Berührungspunkte. Noch kurz vor der WM 1966 kokettierten die Beatles damit, keinen einzigen Spieler des englischen Teams mit Namen zu kennen. »A Star is born«, an diesem Herbsttag galt die ausgelutschte Floskel wirklich. Die bright young things der Popwelt nahmen Best mit offenen Armen auf. Und ihre Fans erst recht. Von nun an ging alles rasend schnell, blieb nichts mehr, wie es war. Und Matt Busby ahnte wohl, dass es schon bald Probleme geben würde.

Die Hochzeit der »Holy Trinity«

Best würde nie der alleinige Star seiner Mannschaft sein, was jetzt begann, war die Hochzeit der »Holy Trinity«. Die älteren, traditionellen Fans bewunderten Bobby Charlton, der als unreifer Junge nach Belgrad flog und als Mann, der ein Team zu führen hatte, zurückkehrte.

Er war unsagbar schüchtern, aber seine Noblesse, die stille Demut, mit der er dem von Matt Busby vorgegebenen Ziel diente, die Würde, mit der er das Gelübde von München mit jeder Faser seines Körpers lebte, ohne große Worte zu verlieren, hoben ihn auf einen Sockel, auf dem er bis heute steht. So jemand duldete natürlich keinerlei Schlendrian und auch Bests Neigung, auf dem Spielfeld gern zu vergessen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, blieb ihm suspekt.