Nordirlands größte Legende: George Best

Das Gesamtkunstwerk Best

Die Natur hatte ein Füllhorn angeborenes Talent über ihm ausgeschüttet, dazu war er, was oft vergessen wird, geradezu zwanghaft trainingsbesessen, womit er die Auswirkungen der Sauferei erstaunlich lange kompensieren konnte. Vom reinen Rüstzeug her war er also nahezu komplett, was aber viele junge Spieler waren und sind, daher sind es wohl doch Auftreten und Attitüde gewesen, die ihn zur Ausnahmeerscheinung werden ließen, swagger und savvy eben.

Es hat mit der Arroganz der Jugend zu tun, und mit dem Bewusstsein, Vertreter einer neuen Zeit zu sein, die gerade anbrach. Welche Position er auf dem Papier spielte, war vollkommen egal, und sein und unser Glück war, dass er mit Manchester United in ein Team geraten war, in dem die taktische Marschroute des Managers selten über ein »Gentlemen, go out and enjoy yourself« hinausreichte und jeder Spieler der Offensivabteilung seine Rolle freizügig und für jene Zeit höchst ungewöhnlich interpretierte. Alles hing von momentaner Eingebung und Tagesform ab, machte aber das Manchester United der Midsixties zu einem Team, das einen einzigartigen, weil völlig unberechenbaren Fußball spielte und ein Flair hatte wie kein Zweites von der Insel. Ganz anders als der weitaus effizientere, aber nicht gerade mit Genialität geadelte FC Liverpool oder gar die Rüpelbande aus Leeds.

»He could take care of himself«

Doch nicht wenige Fans bewunderten Best auch dafür, dass er eine unterschwellige Gemeinheit und Gefährlichkeit ausstrahlte, eine richtige Drecksau sein konnte und nach Kräften zurücktrat. »He could take care of himself«, wurde das immer euphemistisch umschrieben, und es war auch nötig in einer Zeit, in der die Regelauslegung eine andere war. So lange der Ball halbwegs mit dabei war, musste man schon einen einwandfreien Mordversuch begehen, um vom Platz zu fliegen. Heute würde jedenfalls keiner der damaligen Verteidigerlegenden von Paul Reaney (der einzige Kontrahent, gegen den Best stets Schienbeinschoner trug ) bis »Chopper« Harris den Schlusspfiff auf dem Platz erleben, und Nobby Stiles wohl auch nicht.

Bests in dieser Hinsicht schaurigster Moment ereignete sich im Dezember 1970, bei einer 1:4-Heimpleite gegen City, die viel dazu beitrug, die Machtverhältnisse in Manchester umzukehren. Wie ein Torpedo, kein Körperteil hatte mehr Bodenkontakt, rauschte er von hinten in Glyn Pardoe, der längst abgespielt hatte, hinein und zerschmetterte ihm Schien-und Wadenbein. Pardoe, ein Spieler vom Typ »gute Seele der Mannschaft«, schrammte nur knapp an einer Amputation vorbei. Auch diese Reminiszenz gehört zum Gesamtkunstwerk George Best.

Jeder hatte ein Best-Imitat

Sehr früh schon war es schwierig, zwischen dem Fußballspieler Best und der öffentlichen Figur zu unterscheiden, was aber nichts machte, denn genau danach hatte man ja gelechzt, unbewusst natürlich und auch nur, wenn man jung genug war. Ein Balltreter, der, nebenbei oder eigentlich, auch so etwas wie ein Popstar ist, ein fehlgeleiteter Rock‘n‘Roller, dem nur die Gitarre abhanden gekommen war, diese bis dahin nur ersehnte Kombination war für eine bestimmte Generation a dream come true, durchaus ein Äquivalent zur wenige Jahre später gesuchten Kreuztoleranz zweier spitzenmäßigen LSD-Sorten.

Wie die allermeisten Bands hatte er rund fünf Jahre, in denen er neu und wirklich aufregend war. Wie er ab etwa 1965 auftrat, sich stylte und kleidete, das war eine Kampfansage an die bestehenden Verhältnisse und somit eine bewusste und mutige Entscheidung. Und es wurde natürlich bald überall nachgeahmt. So ab 1970 hatte fast jede englische Profimannschaft ihr Best-Imitat, langmähnige Dauerdribbler mit knackigen Lebensabschnittsgefährtinnen und in der gutter press lustvoll ausgeschlachteten Disziplinproblemen.

An Best kam keiner heran

Einige wie Charlie George, Frank Worthington, Stan Bowles oder Rodney Marsh besaßen echten Unterhaltungswert, an Best heran kam jedoch keiner. Ab 1969 begann sein Stern zu sinken und bald befand sich auch sein Verein im freien Fall. Aber da war man schon unbescheiden geworden, wollte partout nicht einsehen, dass er für genug Wirbel gesorgt und dem britischen Fußball einen Innovationsschub verpasst hatte, der rückblickend betrachtet geradezu ungeheuerlich war.

Und irgendwann brauchte man Idole wie ihn auch nicht mehr so dringend wie noch wenige Jahre zuvor. Eine auch nur ansatzweise vergleichbare Figur konnte aus dem Bereich Fußball nicht mehr kommen. Wenn man mit den Stones und Steve McQueen aufgewachsen ist, kann man U2 und Tom Cruise schließlich auch nicht ernst nehmen.