Nils Petersen, der bescheidene Torjäger

Neue Sachlichkeit

Mit neun Treffern in elf Spielen ist Nils Petersen der Mann der Stunde in Liga zwei. Um den Stürmer in Aktion zu erleben, kommen inzwischen sogar Scouts aus der Premier League  nach Cottbus. Wir stellen das Nachwuchstalent vor. Nils Petersen, der bescheidene TorjägerImago 5. November 2011: Im Ingolstädter Audi-Sportpark läuft bereits die Nachspielzeit. Vor zehn Minuten hat sich Cottbus den 1:1-Ausgleich erkämpft, nun rennen die Lausitzer ein letztes Mal auf den gegnerischen Kasten zu. Eine Flanke vom linken Flügel landet auf dem Kopf von Emil Jula; der lässt den Ball feinfühlig in die Mitte abtropfen, direkt vor die Füße seines Sturmpartners. Ein Schuss mit Nachdruck – Tor. Jubelnd laufen die Spieler auf den Gästeblock zu, der explodiert. Cottbus hat das Spiel gedreht, mal wieder. Der Schütze des Siegtors heißt Nils Petersen. Es ist sein neunter Treffer im zehnten Spiel.

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Von Euphorie ist drei Tage danach bei Nils Petersen jedoch nichts zu spüren. »Die ist gar nicht erst aufgekommen, dafür war das Spiel viel zu dürftig. Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, um die Fehler zu analysieren und abzustellen.« Eine typische Aussage für Petersen; einen 21-Jährigen, der seinem Verein nicht nur gerade in letzter Sekunde drei Punkte gerettet hat, sondern sich anschickt, eine neue Identifikationsfigur zu werden. Für Cottbus, und vielleicht sogar für den gesamten Osten.

Die neue Bodenständigkeit

Nils Petersen wird ein Jahr vor der Wiedervereinigung im Harz geboren. Mit 15 Jahren wechselt er zu Germania Halberstadt, zwei Jahre später nach Jena, wo er zunächst in der zweiten Mannschaft des FC Carl Zeiss spielt. Er besucht das Sportinternat, macht sein Abitur. An den Wänden des Gymnasiums hängen Bilder von den Spielern, die es geschafft haben, von Jena aus. »Bernd Schneider hat sich langsam an den Profifußball herangetastet. Außerdem hatte er eine bescheidene Art, das hat mir immer gefallen.« Dass Petersen gerade Schneider, der auch noch als Vizeweltmeister regelmäßig zu seinen Skatbrüdern nach Jena gefahren ist, als Vorbildfigur nennt, sagt ebenfalls vieles über den Cottbusser Shootingstar aus. Der Angreifer reiht sich ein in die Riege deutscher Jungprofis, die für ein neues Selbstverständnis stehen. Für Bescheidenheit, Fleiß und Zielstrebigkeit. Während Lars Ricken nach den ersten – zugegeben überwältigenden – Erfolgserlebnissen Hochglanz-Werbespots drehte, übt sich sein »Erbe« Kevin Großkreutz in Bescheidenheit. Wo Jan Schlaudraff der Aufstieg nicht schnell genug gehen konnte, nimmt sich Lewis Holtby Zeit für einen Abstecher von der vermeintlichen Karriereautobahn.

Eine Beziehung, die passt

Tatsächlich ist der Erfolg des Torjägers Nils Petersen in erster Linie auch der Erfolg der Mannschaft Energie Cottbus. Ein Team, das über eine vergleichsweise homogene Altersstruktur verfügt, das ohne dominante Leithammel auskommt; die entsprechend der Philosophie von Trainer Claus-Dieter Wollitz stets selbst das Spiel in die Hand nehmen will. Petersen passt perfekt ins Konzept, sowohl sportlich, als auch menschlich. Wollitz schätzt die professionelle Berufsauffassung seines Goalgetters ebenso wie dessen facettenreiches Spiel.  

Andersrum weiß Petersen genau, wem er seinen Leistungssprung zu verdanken hat: »Der Trainer hat eine gesunde Mischung aus Spaß und Ernst. Er weiß, wann man einem Spieler in den Arsch treten und wann man Streicheleinheiten verteilen muss.« Neben Wollitz' Führungsqualitäten ist für Petersen vor allem das Vertrauen wichtig. Die Gewissheit, schlechte Spiele abliefern zu dürfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, hat ihn stark gemacht. Mittlerweile hat er sich ein gesundes Selbstvertrauen angeeignet, bleibt dabei aber seiner bodenständige Art treu: »Ich lasse nicht den Lauten raushängen, weil ich gerade eine gute Phase habe, sondern ordne mich unter. Ich weiß, dass ich von meinem Team abhängig bin.«  



2007 ist von Selbstbewusstsein indes noch nicht viel zu spüren. Petersen darf erstmals das Nationaltrikot überstreifen, zunächst in der U-19, später in der U-20. Dort trifft er auf Gleichaltrige, die schon ein paar Schritte weiter sind: »Ich habe damals die Fähigkeiten von Mesut Özil oder Jerome Boateng bewundert«, schwärmt Petersen noch heute. »Das war atemberaubend – aber auch motivierend.« Trainer Frank Engel, der in den Achtzigern Spieler wie Ulf Kirsten, Thomas Doll oder Matthias Sammer in den Jugend-Nationalmannschaften der DDR unter seinen Fittichen hatte, erkennt die Qualitäten des damaligen Jenaers, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Zweitliga-Erfahrung gesammelt hat. »Er hat etwas, das man nicht trainieren kann, den richtigen Riecher vor dem Tor. Er weiß, wo er stehen muss.«  

»Berufsauffassung, wie sonst nur reifere Spieler«

Im Moment steht er fast immer richtig. Und das ist, was am Ende des Tages zählt. Bleiben die zählbaren Erfolge aus, fragen nur noch die Wenigsten nach dem Rest. Dennoch wünscht man ihm, dass er es schafft. In die Bundesliga und vielleicht noch weiter. Am Engagement zumindest dürfte es nicht scheitern: »Nils ist erstaunlich weit in seiner Entwicklung, trainiert sehr konzentriert und bewusst, macht Zusatzschichten und nimmt den Beruf so ernst wie sonst eher reifere Spieler«, lobt beispielsweise Wollitz.  
 
Auch die Medien haben ihn nach dem phantastischen Saisonstart allmählich auf dem Zettel. Wenn nun schon vereinzelt der Begriff »A-Nationalmannschaft« kursiert, hebt Frank Engel jedoch warnend den Zeigefinger. »Man darf ihn nicht vorschnell hochschießen, er muss seine Leistung erstmal stabilisieren.« Eine Einschätzung, mit der er bei seinem Ex-Schützling wohl offene Türen einrennt. »Anfang der Saison habe ich in einem Ticker gelesen, dass der Däne schon wieder ein Tor gemacht hat – mittlerweile hat man mich aber richtig wahrgenommen. Und es werden auch wieder schlechtere Zeiten kommen, dann muss man mit der Kritik umgehen können.«  

»Ich freue mich erstmal auf das Jahr«
 
Nils Petersen verkörpert die Aufbruchstimmung in der Lausitz. Nach einer von osteuropäischen Spielern geprägten Ära steht der junge Mann aus Wernigerode im Harz für das neue Energie Cottbus. Und für ihn ist der Verein eine Herzensangelegenheit, er empfindet den Klub von jeher als Aushängeschild des ostdeutschen Fußballs. Auch wenn ihn diverse Bundesligisten und die Blackburn Rovers beobachten, lässt er sich nicht verrückt machen. Angesprochen auf seine weitere Karriereplanung sagt er: »Darüber habe ich mir noch keinen Kopf gemacht. In Cottbus passt momentan alles sehr gut, ich freue mich jetzt erstmal auf das Jahr.«