Newcastle United in der Krise

Support your local loser

Newcastle United ist stolz auf seine Tradition. Doch der provinzielle Traditionalismus des Klubs hat ihn an den Abgrund geführt. Die Moderne hat er verpennt – und nun droht auch noch der Abstieg. Ein Bericht aus der Krisenregion. Newcastle United in der KriseImago Im englischen Nordosten ist man stolz auf sein Aushängschild, den Newcastle United FC. Die Ambitionen der »Magpies«, der »Elstern«, sind groß. Der Verein will mit den Größen der Premier League pinkeln, mit den Platzhirschen aus London, Manchester und Liverpool. Ein verwegenes Ziel – gespeist mit Spielern wie Michael Owen, Damien Duff oder Alan Smith. Unentwegt pilgern die Fans, sich selbst als »Toon Army« bezeichnend, in den St. James' Park – Spaß jedoch haben sie an den Darbietungen ihrer Mannschaft schon seit langem nicht mehr.

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Die Sehnsucht nach Titeln ist groß, seit 1969 tat sich in dieser Beziehung nichts. Damals gewann Newcastle United den Messe-Pokal, den Vorläufer des UEFA-Cups. Der letzte nationale Titel, der Gewinn des FA-Cups, datiert gar aus dem Jahre 1955. Viel Wasser floss seitdem den Tyne, dem  Fluss, der die Grenze zwischen den Kommunen Newcastle upon Tyne und Gateshead bildet, hinab.

Dem Stolz der »Toon Army« tat dies allerdings keinen Abbruch. Die Begeisterung für den Klub wird von Generation zu Generation vererbt, unabhängig vom sportlichen Erfolg. »Support your local team«, das Mantra des Fanidealismus, ist Gesetz in Newcastle. Die Spiele gegen das andere große Team des Nordostens, den FC Sunderland, gelten daher als eines der intensivsten Derbies in England.

Am eigenen provinziellen Traditionalismus zugrunde

Doch inzwischen muss ernsthaft gebangt werden, ob dieses Spiel in der nächsten Premier League-Saison stattfinden wird. Ausnahmsweise liegt dies nicht am Fahrstuhlklub aus Sunderland – die »Magpies« strampeln stattdessen verzweifelt um den Klassenerhalt. Derzeit trennen United vier Punkte vom rettenden 17. Platz.  Newcastles rasante Talfahrt ist durchaus überraschend, schließlich zählt United zum festen Kern der Premier League und ist gefühltes Mitglied des »Best of the Rest«, auf Augenhöhe mit dem FC Everton, den Tottenham Hotspurs oder Aston Villa, den Teams, die sich um die ersten Plätze hinter den »Big Four« streiten.

Schaut man allerdings genauer hin, ist Uniteds Verfall zwangsläufig und Höhepunkt einer Krise, die sich seit Jahren abzeichnete. Ein wenig erinnert die Situation an den FC Schalke – auch dort stehen ungeduldige Erfolgssehnsüchte einer nachhaltigen Entwicklung im Weg, auch dort bringt der Spagat zwischen Tradition und Moderne ungeahnte Problem mit sich. Es sieht derzeit so aus, als gingen die »Magpies« am eigenen provinziellen Traditionalismus zugrunde.

Kompetenz hin oder her – Kredit gibt es nur bei entsprechendem Stallgeruch. Diesen brachte Kevin Keegan mit. Obwohl als Trainer inzwischen mehr als abgehalftert, galt er der »Toon Army« als Heilsbringer. Der Vorschusslorbeer war entsprechend  gigantisch. Völlig egal, wie erfolglos Keegans Arbeit war, in Frage stellte ihn in Newcastle  niemand – schließlich ist die »Mighty Mouse« einer der ihren.

Nach nur 8 Monaten und der Erkenntnis, nicht bewegen zu können, nutzte Keegan ein Kompetenzgerangel zwischen ihm, Manager Dennis Wise und Präsident Mike Ashley zum Absprung. Fortan standen Wise und Ashley, von United-Anhängern als »Cockney-Mafia« verdammt, in der Schusslinie. Sie galten als diejenigen, die den Messias vergrault hatten. Genervt wollte Ashley hinwerfen, den Klub verkaufen und endlich seine Ruhe haben. Ein passender Käufer fand sich allerdings nicht, so dass sich Ashley gezwungen sah, den kriselnden Klub auch weiterhin zu führen. Die sportliche Leitung übertrug er Joe Kinnear, einem bärbeißigen Iren, der es sich schnell mit den Medien verscherzte und die leidige Pressearbeit seinem Assistenten Chris Hughton überließ. Eigentlich als Interimstrainer gedacht, wurde Kinnear in Ermangelung eines geeigneteren Kandidaten zur dauerhaften Lösung.

Sportlich ging es trotzdem keinen Schritt voran. Als vorläufiger Gipfel dieser »Seuchensaison« entpuppten sich im Februar die gesundheitlichen Probleme Joe Kinnears, dessen Herz dringend eine Bypass-Operation benötigte. An die nervenaufreibende Arbeit eines Coaches war nicht mehr zu denken, und erneut mussten sich die »Magpies« auf Trainersuche begeben. Sie machten es ihren Fans Recht und gaben dem Affen damit Zucker, als ausgerechnet United-Idol Alan Shearer vertretungsweise auf den Sessel des Cheftrainers gehievt wurde.

Dessen Erfahrung als Trainer beschränkt sich auf null, der sportliche Erfolg ist entsprechend und der Klub taumelt dem Abstieg entgegen. Aber solange United unter einem der ihren absteigt, ist ja alles in Ordnung.