Neue Serie: Mein erster Stadionbesuch (#1)

Abschied für Andi und Otto

Werder gewann mit 2:1, Marco Bode und Mario Basler schossen die Tore. Basler war fantastisch. Ein dünnes Männchen, viel schneller, viel besser als der Rest auf dem Platz. Vermutlich ist sein damaliger Auftritt gegen den KSC der Grund, warum ich bis heute nichts auf Mario Basler kommen lasse. Auch wenn er mich Jahre später in einem Interview anpampte, wie eine mürrische Klofrau einen Betrunkenen, der neben das Urinal gezielt hat.

Rehhagel auf den Schultern

Nach dem Spiel ging die Heulerei los. Nicht etwa, weil die Fans bereits ahnten, dass Werder eine Woche später die Meisterschaft durch eine 1:3-Niederlage gegen Bayern München verspielen würde. Sondern weil sich an diesem 33. Spieltag eine ganz besondere Verabschiedungszeremonie abspielte. Nach 14 Jahren an der Weser machte sich Otto Rehhagel vom Acker. Mir war die Bedeutung damals noch nicht so sehr bewusst. Aber ich bekam eine Ahnung davon, was die Fans für diesen – aus meiner Sicht – schon so gut wie toten Mann empfanden, als der Typ neben mir mit Tränen in den Augen zu klatschen anfing und sich ihm viele viele andere Männer anschlossen. Die Spieler hoben Rehhagel auf ihre Schultern und fingen selber an zu heulen. Als der Trupp schließlich die Haupttribüne passierte und mir Rehhagel mit einem Blumenstrauß in der Hand zuwinkte, wurden mir ebenfalls die Augen feucht.

Und damit noch nicht genug: Auch Andi Herzog verließ nach dieser Saison den Verein (er folgte Rehhagel zu den verhassten Bayern). Wenn ich mich recht erinnere, hob ihn niemand auf die Schultern. Tränen vergoss auch niemand für ihn. Ein weiterer Legionär, der für höheren Sold die Seiten wechselte.

Tränen für Viktor

Ich kann nicht sagen, dass mein erster Stadionbesuch der große Augenöffner für meine Liebe zum SVW gewesen ist. Über meine Zuneigung war ich mir schon vorher im Klaren. Aber die Erkenntnis, dass das eigene Stadion, hier: das Weserstadion, zu einem Ort mit geradezu magischer Anziehungskraft werden kann, die erwuchs an jenem 10. Juni 1995. Und was freue ich mich schon drauf, irgendwann mal mein eigenes Kind mit ins Stadion zu nehmen. Vielleicht werde ich mich dann mit Tränen in den Augen für 14 Jahre Viktor Skripnik bedanken.