Neuanfang beim 1. FC Magdeburg

Neuanfang mit neuen Tugenden

Trotz dieses Pfunds, mit dem die Elbestädter wuchern können, ist in den vergangenen Monaten eine neue Bescheidenheit eingekehrt. Präsidiumsmitglied Kallnik wird nicht müde zu betonen, dass ein Aufstieg in die dritte Liga frühestens im Jahr 2015 zu realisieren sei: »Wer mit ein bisschen Fußball-Sachverstand an die Sache herangeht, der wird erkennen, dass ein Neuaufbau mindestens drei Spielzeiten benötigt. Das ist der normale Weg.« Kallnik hatte diesen Prozess mit dem Club selbst erlebt. 2002 blieb er nach der Insolvenz als Leitwolf für eine Truppe aus A-Junioren und Akteuren der zweiten Mannschaft. 2006 gelang die Rückkehr in die dritte Liga.

Der neue Trainer Andreas Petersen spart dagegen nicht mit Kritik an Vorstand und Vorgängern, die die Anhänger mit falschen Versprechungen abgespeist und zu oft von der 2. und 3. Liga gesprochen hätten. »Unsere Basis ist und muss die Regionalliga sein«, so der Vater von Bundesliga-Profi Nils Petersen. Das klingt so pragmatisch wie bescheiden, genau wie das Saisonziel Klassenerhalt – in einer Staffel, die mit Unbekannten wie TSG Neustrelitz, Optik Rathenow und Torgelower SV Greif, den alten DDR-Weggefährten Lok Leipzig, FSV Zwickau sowie Carl-Zeiss Jena, und dem bunten Fußball-Kunstprodukt RB Leipzig, so eigenartig wie unterschiedlich besetzt ist. Dem Lokalrivalen und Drittliga-Aufsteiger Hallescher FC, den man über Jahre eher belächelt als ernst genommen hat, schaut man mit einer merkwürdigen Mischung aus Neid und Trotz hinterher.

Endlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

Erreichen will Petersen das Saisonziel mit einem Team, das weitestgehend aus Namenlosen besteht – abgesehen von Cottbus‘ Ex-Bundesligaprofi Marco Kurth und dem einstigen Nachwuchs-Auswahlspieler Christopher Reinhard. Kurioserweise scheint die Hauptaufgabe des Duos Kallnik/Petersen auf außersportlichem Feld zu liegen: Alle Kräfte im Verein sollen das erste Mal seit langem wieder an einem Strang ziehen, um das wirtschaftliche Umfeld vom neuen Weg der Bescheidenheit zu überzeugen. In der Vergangenheit glich der aufgestaute Erwartungsdruck stets einem Pulverfass. Doch aus den Fehlern scheint man gelernt zu haben. Mittlerweile wurden auch einige ehemalige Spieler wie Wolfgang Seguin und Dirk Stahmann in ein beratendes Kompetenzteam berufen. Man bemüht sich, miteinander statt übereinander zu sprechen. Seguin, der im Finale 1974 gegen den AC Mailand das entscheidende 2:0 schoss und nun jenem Sportbeirat angehört, ist daher optimistisch gestimmt: »Ich habe den Eindruck, dass offener miteinander umgegangen wird. Es wird das Gespräch gesucht.« Natürlich entscheide die sportliche Leitung alleine, so der mittlerweile 66-Jährige, aber er habe das Gefühl, dass der Rat der Älteren erwünscht sei. »Ein Anfang ist gemacht. Ich bin angenehm überrascht von den vergangenen Wochen«, so der Rekordspieler des 1. FCM (529 Einsätze). Zumindest nach außen gelingt es dem Verein, ein einheitlicheres, harmonischeres Bild als zuletzt auszustrahlen.

Doch in einem Ergebnissport wie Fußball sind solche Maßnahmen reine Makulatur, wenn sich nicht zumindest mittelfristig wieder Erfolg einstellt. Fußball-Magdeburg wird sich in den nächsten Jahren weiter gedulden müssen, trotz eines riesigen Potenzials und großer Historie, trotz eines länderspieltauglichen Stadions und eines professionellen Nachwuchsleistungszentrums. Dabei ist Geduld eine Eigenschaft, die so nicht in den Wortschatz des Vereins passt. Der 1. FC Magdeburg wird sie lernen müssen. Am vergangenen Sonntag hat sich die neue Magdeburger Tugend erstmals ausgezahlt: Das Spiel gegen Auerbach wurde mit 1:0 gewonnen.