Nach Liverpools Ticket-Protest

Aufstand in England

So laut wie jetzt haben englische Fans seit zwei Jahrzehnten nicht mehr für ihre Interessen gestritten. Das Beispiel Liverpool zeigt, dass sie etwas bewegen können. Der Zeitpunkt war noch nie so günstig.

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Liverpools Anfield, West Hams Boleyn Ground, Manchester Uniteds Old Trafford: Die Stadien der Premier League werden von deutschen Fans als Pilgerstätten des Fußballs verehrt. Umgekehrt blicken englische Fans sehnsüchtig auf die Stadien der Bundesliga. Stehplätze, Choreos, intensiver Support – Dinge, die während der letzten zwanzig Jahre aus dem englischen Fußball verdrängt wurden.

Schuld daran ist nach Ansicht vieler Fans das gesetzliche Verbot von Stehplätzen seit der Katastrophe von Hillsborough. Wegen der absurden Ticketpreise können viele es sich zudem nicht mehr leisten, ins Stadion zu gehen. Erstmals seit der Einführung der Premier League kostet in dieser Saison das billigste Ticket im Schnitt mehr als 30 Pfund – knapp 39 Euro. Die Atmosphäre, die den englischen Fußball einst berühmt machte, lebt heute nur noch in den Köpfen derer, die schon dabei waren, als er noch für jeden erschwinglich war.

Dauerkarte wie eine Treukarte im Supermarkt

Obskure Klub-Eigentümer haben obendrein bewirkt, dass die meisten Fans sich nicht als Teil ihres Vereins verstehen, sondern als Kunden. Der Bristol-City-Fan Jon Darch ist Mitglied der Football Supporters' Federation und Gründer der Safe Standing Roadshow, die für die Wiedereinführung von Stehplätzen wirbt. Er sagt: »Meine Dauerkarte ist wie eine Treuekarte im Supermarkt. Der einzige Unterschied ist, dass du den Supermarkt wechseln kannst. Den Verein nicht.«

Aber es gibt noch Hoffnung. Denn seit die Fans des FC Liverpool aus Protest gegen Preiserhöhungen in Massen ihr Stadion verließen, merken Fans im ganzen Land, dass sie etwas bewegen können, wenn sie mit vereinter Stimme für ihre Interessen streiten. Die Besitzer der Reds knickten ein – die Zeitungen auf der Insel waren voll davon. Es scheint so, als stehe die englische Fankultur am Anfang einer Entwicklung, an deren Ende sie sich neu erfinden könnte.

Nächster Punkt: Vernetzung im Land

Ben Shave von Supporters Direct führt das lange Schweigen auf die Lebensrealität derer zurück, die sich den Eintritt ins Stadion trotz horrender Preise leisten können: »Der durchschnittliche Fan im Stadion ist im mittleren Alter, gehört zur Mittelschicht, hat einen anständigen Job und genug Geld zur Verfügung. Das ist eine Verallgemeinerung, aber es erklärt, warum es so lange gedauert hat, bis eine Reaktion kam.« Aber mit Blick auf die Rekord-Einnahmen ihrer Klubs durch TV-Gelder wollen viele Fans die Ausbeutung nicht mehr hinnehmen. Shave sagt: »Die Frage ist, ob es beim Erfolg in Liverpool bleibt, oder ob das der Wendepunkt für den englischen Fußball wird. Die nächste Aufgabe ist, Fangruppen zu vernetzen und weitere Aktionen zu planen. Wir müssen das Bewusstsein wecken, dass aktive Fans etwas verändern können.«

Wut über Ticketpreise sei zwar der Treibstoff, letztlich aber nur ein Symptom für eine umfassende Unzufriedenheit, sagt Shave. Die Football Association, die für die Steuerung des Sports zuständig sei, habe ihre Verantwortung der Premier League überlassen – von diesem Problem ließe sich jeglicher Ärger ableiten: »Ticketpreise, Stehplätze, Auswärtsfahrten, Stimmung – alles geht zurück auf die Art, wie der Fußball gelenkt wird.«