Nach der Niederlage in Stuttgart

Hamburger Empörungsstadl

Sic transit gloria mundi: Der Hamburger Sportverein verliert mit 0:1 beim VfB Stuttgart und präsentiert sich anschließend als Skandalnudel. Trainer Huub Stevens und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer üben sich in Medienschelte. Nach der Niederlage in Stuttgartimago images
Eine erste Kostprobe der Schauspielkünste des Huub Stevens gab es bereits bei der Pressekonferenz vor der Abreise ins Ländle. Ob sein Team in einer Krise stecke, wurde der Holländer gefragt. Er zog die Mundwinkel nach unten und sagte: »Oooh, jaaaa, in einer gaaaanz tiefen Krise.« Dann schluchzte er und wischte sich nicht vorhandende Tränen aus dem Gesicht.

[ad]


Nach der Niederlage in Stuttgart, herbei geführt durch einen Volleyschuss von Roberto Hilbert in der 20. Minute, gab der HSV-Trainer eine Zugabe. Er kam spät in die Pressekonferenz, setzte sich auf seinen Platz, neigte den Kopf zur Seite und richtete einen strengen Blick auf die vor ihm versammelte Journaille. Es sah ein bisschen so aus, als übe er eine neue Rolle ein – die eines Sklaventreibers, dessen funkelnde Augen ausreichen, um seinen Untergebenen klar zu machen: Wenn ihr nicht spurt, gibt es Peitschenhiebe.

Stattdessen gab es für die Sportreporter aber nur eine schlecht gelaunte Lektion in Sachen Fußball-Mathematik: »Wir gucken von Spiel zu Spiel, und erst nach 34 Spielen wird abgerechnet. Nicht heute, nicht nach zehn Spielen, nein, nach 34 Spielen. Ich glaube, wenn ich das sage, dann trete ich offene Türen ein. Aber bei bestimmten Leuten offenbar nicht.«

Niemand wagte es zu widersprechen, niemand stellte eine weitere Frage. Dabei wäre es doch interessant gewesen, ob Stevens seinen Spielern in der Kabine ebenfalls die Leviten gelesen hatte. Ersatzweise richtete man diese Frage an Rafael van der Vaart, den besten Spieler der Hamburger an diesem Tag. Der Holländer beteuerte ohne rot zu werden, Stevens sei weder wütend gewesen noch laut geworden.

Hamburgs Coach hätte einigen Grund dazu gehabt. In der Anfangsphase der Partie tauchte der einzige etatmäßige Stürmer der Gäste, Paolo Guerrero, zwei Mal aussichtsreich vor VfB-Keeper Sven Ulreich auf. Beim ersten Mal lupfte der Peruaner den Ball weit über das Tor, beim zweiten Versuch konnte der starke Ulreich retten. Zuvor hatte der Schiedsrichter bei einem Kopfballtor von Collin Benjamin auf Abseits entschieden.

Hilbert bestrafte die fahrlässige Chancenverwertung mit seinem Volley-Kracher. Van der Vaart hätte zehn Minuten später ausgleichen können, setzte einen Flugkopfball nach gutem Zuspiel von Piotr Trochowski aber neben das Tor.

Hilbert wundert sich, Rost macht den Clown

Nach dem Seitenwechsel lud Stuttgart die Hanseaten gewissermaßen zum Torschuss ein. »Wir haben mehr verteidigt als alles andere«, wunderte sich Hilbert. Zeitweise bildeten sieben bis acht Feldspieler der Schwaben die Abwehrkette, doch Hamburg fehlte der Geistesblitz, um sie zu überwinden. Wenn die Gäste doch einmal auf das Tor schossen, hatte Schiedsrichter Babak Rafati meist längst abgepfiffen. Van der Vaarts Freistoß aus 20 Metern in der 72. Minute, der knapp am Tor vorbei strich, war die beste HSV-Szene nach der Pause.

Als hätte das noch nicht gereicht, um Stevens auf die Palme zu bringen, präsentierte sein Torwart in der Schlussphase kleine Slapstick-Einlagen: Frank Rost interpretierte die moderne Art des Torwartspiels sehr frei und gönnte sich Ausflüge auf die linke Seite - was zur Folge hatte, dass Hilbert kurz vor Schluss mit dem Ball am Fuß 30 Meter vor dem leeren Tor auftauchte. Er schoss jedoch daneben.

Kurz darauf tauschte Rost seinen Fünfmeterraum mit dem Mittelkreis. Er wollte einen Freistoß ausführen – nach Ansicht des Schiedsrichters jedoch am falschen Ort. Also ging Rost ein Stück zurück, knallte den Ball wutentbrannt auf den Boden und nahm Anlauf – bis ihn Rafati bremste. Das Schauspiel wiederholte sich und amüsierte die Stuttgarter Fans prächtig. Zu allem Überfluss kassierte Rost die gelbe Karte. Es ist anzunehmen, dass Stevens diese Aktion nicht so gut gefiel.

Der Trainer war nicht der einzige HSV-Verantwortliche, der nach der Partie schlechte Laune hatte. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer beklagte, «mitten im Spiel mit irgendwelchen Ad-hoc-Meldungen konfrontiert« worden zu sein, die Nachfolge von Stevens als HSV-Trainer betreffend. Der neueste Kandidat der Gerüchteküche heißt Louis van Gaal, ehemals FC Barcelona und derzeit AZ Alkmaar.