Nach der 1:8-Schlappe

Ich hab dich trotzdem lieb!

Bielefeld holt sich in Bremen eine derbe Klatsche ab. Da nimmt der eine den anderen schon mal in den Arm, wie ein Vater das Kind nach einer vergeigten Mathearbeit - und muss sich dabei vorkommen wie ein Mathematik-Professor. imago images
Aus Bielefelder Sicht ging ja nun wirklich alles schief an diesem Nachmittag in Bremen. Da fügte es sich nahtlos ein, dass der legendäre Regionalexpress 19:06 Uhr ab Bremen Hauptbahnhof in Richtung Osnabrück, den die mitgereisten Bielefelder nun mal auch nehmen mussten, aufgrund verschiedener Störungen mehr als eine Stunde Verspätung hatte. Das war mehr als bloß ein Sinnbild für diesen Tag. 

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Denn auch das Spiel der Bielefelder unterlag mehreren Störungen. Und nun mussten die armen Fans auch noch denselben Zug nehmen wie zahllose Werder-Anhänger aus Bassum, Syke oder Twistringen. Da nimmt ein Grüner einen Blauen schon mal in den Arm, wie ein Vater seinen Sohn nach einer völlig vergeigten Mathearbeit. Da diskutiert man über den Trainer Ernst Middendorp, der während des Spiels aussah, als ob er noch schnell eine Stellenanzeige für die Sonntagszeitung formuliert: 11 Fußballspieler gesucht, oder so ähnlich. Bitte bringen Sie folgende Eigenschaften mit: Einsatzbereitschaft, Zweikampfstärke, taktische Disziplin. Von alledem war bei den Bielefeldern, die auf dem Platz im Weserstadion standen, ja nichts zu sehen. Vielleicht hat er auch darüber nachgedacht, ob es in Ostwestfalen wohl genügend Psychotherapeuten gibt, die nächste Woche Zeit haben um seine angeschlagene Truppe wieder zu kurieren. Vielleicht lässt er auch den Rasen des Bielefelder Trainingsgeländes blau färben. Denn mit der Farbe Grün sind seine Jungs bis auf weiteres durch.

Andere blaue Fans (im doppeltem Sinne des Wortes) diskutierten in einer Mischung aus Galgenhumor und Trotz ernsthaft darüber, ob nun das 1:3 oder das 1:4 den Knackpunkt im Spiel bedeutete, oder ob es richtig war zeitweise zwei Gegenspieler als Leibgarde der Bremer Zaubermaus abzustellen, der mal wieder in Gala-Form war und seinen Marktwert von 30 auf 31 Millionen steigerte. Wieder andere Bielefelder fingen einfach wieder an zu singen: La Paloma, oder einen gelungen Potpourri von Liedgut á la Roger Whitaker und Nana Mouskouri oder den Flippers. Mein Sohn schaut mich fragend an und sagt: Wieso singen die denn noch? Tja, sage ich, was sollen sie denn sonst machen?

Werder war so gut, dass man es sich bei diesem besseren Herbstspaziergang auch erlauben konnte mal Daniel Jensen zum Spieler des Tages zu wählen und mit Max Kruse gleich noch einen Debütanten vorzustellen, der, kaum auf dem Platz, seinen ersten Scorer-Punkt einheimste, als er Rosenberg das 6:1 auflegte. Und überhaupt: Peter Niemeyer, den Werder ja noch nicht mal für den CL-Kader berief, eröffnete den Torreigen, so, als wollte er sagen: bitte schön – solche Granaten hättet ihr auch in der CL haben können. Aber bitte.... So sind an diesen Freudentag mehrere Hoffnungen geknüpft. Das erwähnte Tor von Rosenberg möge doch bitte dessen Blockade lösen. Schön zu sehen, dass Clemens Fritz wieder dabei ist. Mit dem erwähnten Max Kruse klopft mal wieder ein Nachwuchstalent an die Tür des Bundesliga-Kaders und, so scheint es zumindest heute am Sonntagmorgen: es hat sich kein weiterer verletzt. Tim Wieses Humpeleinlage war wohl nur falscher Alarm.

Einen habe ich noch: zum Geburtstag habe ich ein nagelneues Werder-Sweatshirt geschenkt bekommen, auf dem der Name meines Lieblingsvereins in großen Lettern aufgestickt ist. Den hatte ich heute morgen (mit Absicht) an, als ich Brötchen holen fuhr. Der Typ hinter der Theke ist nämlich Dortmund-Fan und so ging, nein, stolzierte ich heute in den Laden und fragte nur: „Na, wie geht’s?“ Das kommt davon, wenn man Werder 3:0 schlägt.

So, die Werder Welt ist wieder in Ordnung: Platz 5 vor dem HSV (!), Torverhältnis wieder positiv, in der Kicker-Scorer-Liste zwei Mann unter den ersten Zehn und als nächste Bundesligaaufgabe den MSV Duisburg. Das geht so.