Nach den Ausschreitungen in Brasilien

Hat Brasilien ein Gewaltproblem?

Eine Aussage des Polizeikommandanten von Joinville verdient trotzdem gesonderte Beachtung. »Das wäre auch passiert, wenn wir im Stadion gewesen wären. Das ist eine Frage der Kultur«, sagte Adilson Moreira. Was auf den ersten Blick klingt wie ein sehr schlechter Scherz – denn mit einer Sektorentrennung und einigen Polizisten im Stadion wären die Szenen sehr wohl zu verhindern gewesen –, ist andererseits gar nicht so falsch. Denn die brasilianische Gesellschaft befindet sich tatsächlich im Würgegriff eines massiven Gewaltproblems.

50.000 Menschen werden pro Jahr ermordet
 
Zwar ist der Stadionbesuch in Brasilien entgegen anderslautenden Vorurteilen bei fast allen Spielen ein friedliches Vergnügen. Szenen wie aus der deutschen Bundesliga, wo sich Fans beider Seiten am Stadionvorplatz ohne Gewalt begegnen, gehören auch in Brasilien zum Alltag. Und auch in den Stadien gibt es im Regelfall keine Probleme. Abseits davon schaut die Realität aber ganz anders aus: Bis zu 50.000 Menschen werden in Brasilien pro Jahr ermordet – so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Waffengebrauch steht auf der Tagesordnung. Trotz aufwändiger Bemühungen wie der Befriedung zahlreicher Armenviertel, regieren in vielen Orten nicht die Polizei oder das friedliche Miteinander, sondern Mafiabanden und das Faustrecht.  
 
Das Oberste Sportgericht Brasiliens hat nach den Ausschreitungen Rekordstrafen angekündigt. Atletico Paranaense und Vasco da Gama drohen Stadionsperren für bis zu 20 Spiele und Geldbußen über 100.000 Euro. Staatspräsidentin Dilma Rousseff erklärte: »Eine Fußballnation kann nicht mit Gewalt in ihren Stadien leben. Das richtet sich gegen alles, was wir mit Fußball assoziieren.« Auch wenn das durchaus richtig ist, greift diese Aussage viel zu kurz. Denn die Gewalt auf den Rängen von Joinville war nicht mehr als die Abbildung eines Problems, das sich nicht auf den Fußball beschränkt und das einem reibungslosen Ablauf der WM massiv im Wege stehen kann.

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Reinhard Krennhuber ist Chefreporter und Brasilienexperte des Fußballmagazins ballesterer. Er hat in den vergangenen Jahren mehrere Monate in Brasilien verbracht und für den ballesterer und weitere Medien vom Confed-Cup 2013 berichtet.