Nach dem Düwel-Mittelfinger

Sittenstrenger Profifußball

Hinter der Aufregung steckt aber auch ein anderes Phänomen, das nicht allein den FC Union betrifft. Es geht nämlich immer sittenstrenger im professionellen Fußball zu, zumindest was die Arbeitsbedingungen der Trainer angeht. Da ist die Käfighaltung durch die lächerliche »Coaching Zone«. Da ist der 4. Offizielle, der sofort wie ein mahnender Kindergärtner aufspringt, wenn ein Übungsleiter mal für Sekundenbruchteile die Linie übertritt. Und da ist der öffentliche Konsens, dass ein Bundesliga-Trainer auch übelste Beleidigungen stoisch, besser noch mit einem nonchalanten Lächeln ertragen muss. Das sei, so die landläufige Meinung, als Schmerzensgeld im Gehalt eingerechnet.

Großformatige Schlagzeilen sind völlig unverhältnismäßig

Keine Missverständnisse: Trainer sollen sich auf das konzentrieren, was auf dem Spielfeld passiert. Und wer nicht weitgehend ausblenden kann, dass hinter ihm auf der Haupttribüne gerade dutzendweise knotige Zuschauer hasserfüllt die Fäuste schwingen, ist als Übungsleiter im Profifußball wahrscheinlich ungeeignet. Wenn aber selbst solch ein kurzer Kontrollverlust, mit dem übrigens in Berlin so ziemlich jede Unterhaltung im Straßenverkehr beendet wird, bereits zu großformatigen Schlagzeilen führt, ist das völlig unverhältnismäßig.

Sicher kann man Düwel derzeit für vieles kritisieren. Dafür, dass die Mannschaft auch nach einem Saisondrittel immer noch keine Stabilität im Mannschaftsgefüge aufweist. Dafür, dass er verdiente Altrecken nicht anständig verabschiedet hat. Dafür, dass sich die individuellen Fehler derart häufen, dass sogar eine limitierte Truppe wie die Münchner Löwen den Unionern die Bude vollhauen kann. Aber nicht dafür, dass er sich für eine halbe Sekunde mit einem pöbelnden Zuschauer in der Sprache unterhalten hat, die der versteht.