Nach dem Düwel-Mittelfinger

Plausch auf Augenhöhe

Weil Union-Coach Norbert Düwel einem pöbelnden Zuschauer spontan den Mittelfinger zeigte, ermittelt jetzt die Sitte. Wir plädieren für die Einstellung des Verfahrens.

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Es war eine flüchtige Geste. Jener halb ausgestreckte Mittelfinger, mit dem Norbert Düwel, Coach des Zweitligisten Union Berlin, einen Zuschauer auf der Haupttribüne der Alten Försterei grüßte. Der hatte zuvor, glaubt man Düwels Ausführungen, die Familie des Trainers beleidigt. Man war also quitt - eigentlich. Doch im heutigen Fußball ist ein solch proletarischer Austausch offenbar nicht mehr vorgesehen. Große Aufregung in der Boulevard-Presse. »Eklat nach Union-Pleite« schnaufte die BZ und die Bild-Zeitung reimte ebenso verbissen wie schief: »Diese Aktion war übel von Düwel!« Erstaunlich große Schlagzeilen für eine kleine Geste. Aber warum eigentlich?

Argumentiert wird gerne mit der Vorbildfunktion der Spieler und Trainer, die sich im Stadion besser im Griff haben müssten. Schließlich würden alle Akteure, Spieler, Trainer und Offizielle regelmäßig angepöbelt und kämen ebenfalls nicht auf die Idee, auf die Beleidigungen zu antworten. Da ist was dran, führt aber streng genommen zur eigentlichen Schieflage im Verhältnis zwischen Publikum und Akteuren.

Es gibt nichts, was sich im Zweifel nicht in eine zünftige Beleidigung umwandeln ließe

Es wird nämlich nicht nur, aber auch in der Alten Försterei während eines Spiels wirklich so ziemlich alles aufs Spielfeld gebrüllt wird, was im realen Leben sofort eine Beleidigungsklage nach sich ziehen würde. Stammbaum, Frisur, Laufstil, frühere Vereine - es gibt nichts, was sich im Zweifel nicht in eine zünftige Beleidigung umwandeln ließe. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich eben diese Schreihälse sofort als penible Benimmlehrer gerieren, wenn der Angepöbelte sich kurz auf Augenhöhe begibt. Erstaunlich ist eher, dass Trainer und Publikum ausgerechnet bei Union Berlin so kommunizieren - jenem Verein, der ja eher dafür bekannt ist, ziemlich pfleglich miteinander umzugehen.