Nach Bulgariens Skandalspiel gegen England

Krieg gegen den Verband

Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Bulgarien und England wurde von rassistischen Ausfällen bulgarischer Fans überschattet. Nicht der erste Vorfall dieser Art. Was hinter den Entgleisungen steckt.

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Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Bulgarien und England am Montagabend in Sofia wird aus zwei sehr unterschiedlichen Gründen in die nationale Fußballgeschichte eingehen. Zum einen haben die Bulgaren mit 0:6 verloren, was nicht weniger als ihre höchste Heimniederlage aller Zeiten bedeutet. Das Land, das bei der WM 1994 die deutsche Elf ausgeschaltet und das Halbfinale erreicht hat, ist nun seit einem vollen Jahr ohne einen einzigen Länderspielsieg.

Zum anderen bleibt das bulgarische Desaster im Nationalstadion von Sofia natürlich wegen der Entgleisungen der einheimischen Fans in Erinnerung. Gleich zweimal war das Spiel wegen rassistischer Sprechchöre und Gesänge gegenüber den farbigen Spielern der Engländer, darunter Debütant Tyrone Mings von Aston Villa, unterbrochen.

Die schlimmen Vorfälle lösten in Bulgarien eine Kettenreaktion aus, deren vollständige Auswirkungen im Moment noch nicht abzusehen sind. So forderte der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow – ein Amateurfußballer, der einst im zarten Alter von 54 Jahren zu seinem Profidebüt in der zweiten Liga kam – den Verbandspräsidenten Borislaw Michajlow umgehend zum Rücktritt auf.

»Eines der tolerantesten Länder der Welt«

Borissows Statement in bester Politikersprache las sich so: »Nach der peinlichen Niederlage von gestern Abend und angesichts der zuletzt schlechten Ergebnisse habe ich Sportminister Krasen Kralew angewiesen, alle Beziehungen zum Fußballverband abzubrechen, inklusive der finanziellen, bis Michajlow zurücktritt. Ich verurteile außerdem das Benehmen einiger Zuschauer auf den Tribünen. Dass Bulgarien, eines der tolerantesten Länder der Welt, in dem Menschen verschiedener Ethnien und Religionen friedlich zusammenleben, deshalb mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, ist absolut nicht akzeptabel.«

Normalerweise ist die FIFA beim Thema staatlicher Einflussnahme nicht zimperlich und droht mit empfindlichen Strafen, doch möglicherweise wird auch der Weltverband erleichtert gewesen sein, als Michajlow im Laufe des Montags tatsächlich zurücktrat. Der ehemalige Nationaltorwart hatte den Verband seit 2005 geführt. Zusammen mit Spielern wie Christo Stoitschkow, Jordan Letschkow und Krassimir Balakow gehörte er zu jener Goldenen Generation, die 1994 das globale Fußball-Establishment aufgemischt hatte. Als Kämpfer gegen Rassismus im Stadion war Michajlow bis jetzt nicht aufgefallen, im Gegenteil: In den Wochen vor dem England-Spiel hatte er zweimal an die UEFA geschrieben und sich darüber beschwert, die englischen Profis würden mit ihrer Warnung vor rassistischen Ausschreitungen die Situation unnötig aufheizen.