Nach 358 Tagen: Eduardo ist zurück

Das Netz ist wieder voll

Fast genau vor einem Jahr trat Martin Taylor Arsenal-Stürmer Eduardo fast zum Krüppel. Gegen Cardiff stand der Kroate, der »die mentale Kraft eines Berges« besitzt, erstmals wieder auf dem Rasen, der die Welt bedeutet. Nach 358 Tagen: Eduardo ist zurück Cesc Fabregas ist zwar erst 20 Jahre alt, als er am 23. Februar 2008 gegen Birmingham City auf dem Platz steht, doch auf dem Rasen der die Welt bedeutet hat der junge Spanier schon eine Menge gesehen. Blutige Platzwunden, Knochenbrüche, brutale Attacken grobschlächtiger Abwehrspieler. Als er sich in der dritten Minute über seinen Mitspieler Eduardo beugt, muss sich Fabregas abwenden. Der Mittelfeldmann ist bleich, wie ein Sack Mehl.

[ad]

Am Boden krümmt sich Eduardo, 24 Jahre alt, Arsene Wengers neue Waffe im offensiven Mittelfeld. Der gebürtige Brasilianer (2002 erhielt er die kroatische Staatsbürgerschaft) ist einer jener feingliedrigen Super-Sprinter, die das Arsenal-Spiel so geprägt haben. Wie Hleb, wie van Persie, wie auch Fabregas ist Eduardo ein Produkt der rasanten Offensivmaschinerie aus dem Norden Londons; aufgebaut, entwickelt und perfektioniert vom Franzosen Wenger. Dem ist das Glück über seinen neuen Zögling Eduardo - mit Mitte 20 fast schon ein Spätstarter im jungen Team - deutlich anzusehen.

Am 23. Februar ist alles Glück aus Wengers Gesicht gewichen. Auf dem Rasen liegt sein Spieler, brutal umgetreten von einem Abwehrspieler namens Martin Taylor. Später wird Wenger über den Mann von Birmingham sagen: »So einer wie er sollte nie wieder Fußball spielen.« Taylor wollte im Duell mit dem deutlich schnelleren und trickreichen Kroaten gleich für klare Verhältnisse sorgen. Nicht nur auf englischen Sportplätzen lernen Abwehrspieler, wie sie talentierteren Gegenspielern den Wind aus den Segeln nehmen können. Ein schmerzhafter Tritt, ein knallharter Bodycheck, den ausgefahrenen Ellenbogen im Kopfballduell. So etwas in der Art.

Eduardo ist Taylor schon nach wenigen Augenblicken das erste Mal entwischt, wenn der Abwehrspieler jetzt nicht früh genug konsequent durchgreift, wird ihm dieses schmale Hemd das ganze Spiel über auf der Nase herum tanzen. In der dritten Minute stürmt Eduardo erneut auf Taylor zu, er will zur Finte ansetzen, da grätscht ihm der City-Profi frontal entgegen. Tausende Male wird später in Nahaufnahme zu sehen sein, wie Taylors Stollen zunächst Eduardos Stutzen und dann sein Schien- und Wadenbein kurz über dem linken Knöchel zerpflügen. Das Bein ist komplett durch und die Szenen werden regelrecht gruselig, als die Kameras auch noch einfangen, wie sich Taylors Stollen in den roten Stoff von Eduardos Stutzen gebohrt haben.

Mehr als 358 Tage sind seitdem vergangen. Der Kroate in Diensten von Arsenal London hat nach der »schlimmsten Verletzung, die ich je gesehen habe« (Mitspieler Flamini) Monate im Krankenhause und in der Reha verbringen müssen. Sein Unglück wurde zur nationalen Katastrophe aufgebauscht, auch in Kroatien, von wo der talentierte Angreifer Genesungswünsche aus allen Ecken des Landes erhielt und Gegenspieler Taylor Morddrohungen. Beim FA-Cup-Wiederholungsspiel stand Eduardo erstmals wieder bei einem Pflichtspiel auf dem Platz. Gegen Cardiff City erzielt der 25-Jährige zwei Tore, sein Team gewinnt 4:0 und Presse und Kollegen feiern seine Comeback wie die Wiederauferstehung. »Die Geschichte Eduardos verdient einen Hollywoodfilm«, forderte die »Sun«. Die kroatische Zeitung »Vecernji List« titelt: »Der König ist zurück, die Netze sind wieder voll.«

Sein zweites Tor lassen ihn die Kollegen per Elfmeter erzielen, den anschließenden Jubellauf steuert Eduardo zielsicher in Richtung Tony Colbert. Der ist Arsenals Physiotherapeut und damit hauptverantwortlich für die Genesung des kleinen Kroaten. »Tony war in letzter Zeit häufiger mit ihm zusammen, als mit seiner eigenen Frau«, erklärt Wenger nach dem Spiel die Knuddelszenen am Spielfeldrand. Der Franzose hat einen seinen Schützlinge wieder. Auch, weil Eduardo die Leidenschaft wieder auf den Platz getrieben hat. »Dieser Kerl ist klein«, sagt Wenger, »aber er hat die mentale Stärke eines Berges.«