Musik ist, wenn man trotzdem singt

Einigkeit und recht viel Freizeit

Auch wenn die deutsche Nationalmannschaft spielerisch nicht immer auf der Höhe ihrer Zeit war, beim Absingen der Hymne erwies sie sich stets als gegenwärtig. Unser Kolumnist Prof. Klaus Hansen blickt zurück auf 52 Jahre Sangeskunst. Imago Deutschland ist der geilste Club der Welt!“
(Deutschland-Fans bei der WM 2006)

„…sind des Glückes Unterpfand.“ Kein Mensch spricht oder schreibt heute noch so. Aber Millionen singen es aus voller Kehle. Semantisch ist das Wort „Unterpfand“ ebenso von gestern wie der Genitiv als Kasus. Ob man weiß, was man da singt? „Einig sein, gerecht und Freiheit sind dem Glück sein Unterschlupf“, meint Harry. Die Richtung stimmt. Und wie weiter? Harry entscheidet sich für die Bouillonwürfel-Variante von Sarah Connor: „Brüh im Lichte dieses Glanzes, brühe deutsches Vaterland!“ Warum soll es den Fans leichter fallen als den Nationalspielern? Unsere Fußballer haben Jahrzehnte gebraucht, bis sie endlich die dritte Strophe auswendig konnten und zu singen wagten. Lassen wir den mühsamen Weg noch einmal vor unserem geistigen Auge Revue passieren:

Bei ihrer ersten Weltmeisterschaftsteilnahme nach dem Krieg, 1954 in der Schweiz, sangen die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft beim Abspielen der Nationalhymne vereinzelt mit. Allerdings nur die erste Strophe, und davon nur die ersten beiden Zeilen. Einer soll, weil er es nicht besser wusste, das Horst-Wessel-Lied angestimmt und sich dabei fast in die Hose gemacht haben. Offenbar war Schlimmeres befürchtet worden, denn man lobte Trainer Herberger dafür, dass sich die Misstöne in Grenzen hielten.

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Bei der Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland sang keiner auch nur einen Ton mit. Stattdessen kauten die Nationalspieler beim Abspielen der Nationalhymne Kaugummi. Man lobte Trainer Schön dafür, dass ein Bild unbekümmerter Lässigkeit verbreitet und dem neuen Image des „Swinging Germany“ eine weitere Facette hinzugefügt wurde.

Bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien regte sich beim Abspielen der Nationalhymne keine Miene. Es wurde weder mitgesungen noch Kaugummi gekaut. Man lobte Trainer Derwall dafür, dass er die unwürdige, an glupschäugiges Weidevieh erinnernde Kaugummimalmerei verboten und den Spielern ein ernstes, ja grimmiges Gesicht verordnet hatte.

„Der Sport, sag ich mal einfach so, ist nicht das einzigste, was man hat.“

Auf dem Wege zur Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko erlebten wir daheim an den Bildschirmen, wie unsere Jungs ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf musikalisches Talent die dritte Strophe aus vollem Halse schmetterten. Man lobte Teamchef Beckenbauer dafür, dass die Nationalelf nun für alle ein Vorbild sei. Auch Italien-Legionär Rummenigge, Kapitän der deutschen Elf, bekannte sich zum neuen Patriotismus: „Der Sport, sag ich mal einfach so, ist nicht das einzigste, was man hat. Es gibt ja auch noch so was wie das Vaterland, wo man eine echte Zugehörigkeit spürt.“
Bei der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 1994 in der Dritten Welt des Fußballs, in den USA also, traten im ehedem so vorbildlichen Chorgesang unserer Nationalspieler erneut Misstöne auf. Deutschland war über Nacht neuvereinigt worden. Die Spieler aus dem „Beitrittsgebiet“, wie nun plötzlich die DDR hieß, mochten von ihrem „Auferstanden aus Ruinen“ nicht lassen, während ihre westdeutschen Kollegen den inzwischen gewachsenen Überdruss an der dritten Strophe dadurch zum Ausdruck brachten, dass man eigenmächtig Umdichtungen vornahm. So ist Kapitän Matthäus wiederholt dabei ertappt worden, wie er mit fränkischer Inbrunst die Worte „Einigkeit und recht viel Freizeit“ ins weite Stadionrund hinausposaunte.

„Adidas und Zeiss und Pfanni“

„Damit die Richtung wieder stimmt“, wie er sich ausdrückte, gab Bundestrainer Hans-Hubert Vogts dem namhaften österreichischen Schnulzisten Udo J. Gockelmann den Auftrag, ein neues Lied zu schaffen, das herkömmlichen Nationalstolz und zeitgenössische Geldgeberbedürfnisse auf harmonische Weise miteinander verbindet. Erfolgskomponist Gockelmann löste die Aufgabe, indem er Joseph Haydns alte Melodie beibehielt, den Text des Mannes aus Fallersleben jedoch radikal entkernte und in ein hymnisches Sponsoren-Who-is-Who verwandelte.

Seitdem haben wir eine Alternative zu der Hymne auf „des Glückes Unterpfand“. Es wird Zeit, dass sie endlich gesungen wird!

Hier ist sie:

Adidas und Zeiss und Pfanni
Für das deutsche Fußballspiel.
Daimler lässt uns alle strahlen,
BIT-Bier macht das Hirn mobil.
Adidas und Zeiss und Pfanni
Und Langnese-Eis am Stiel:
Müller-Milch, Aral und Grundig –
Blühe deutsches Fußballspiel!

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