Mourinho bei Chelsea vor dem Aus

Der Teufel trägt Prada

Jose Mourinho steht bei Chelsea vor dem Aus. Er hat sich in seinen Privatfehden verfangen, der Mann hat keine Rivalen, sondern sucht sich Antagonisten. Eine Bilanz der Verwüstung.

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Spezial 08

Das folgende Porträt stammt aus dem 11FREUNDE SPEZIAL »Erzrivalen« – jetzt erhältlich am Kiosk, im Shop oder im App-Store.

Drei Sätze aus dem September 2014. Drei Sätze, die klingen wie aus einem Logik-Grundkurs für Vollidioten. Drei Sätze, die nur einen Bruchteil seines Arsenals ausmachen, aber seinen gesamten Wahnsinn enthalten. Drei Sätze von José Mourinho. Bitte sehr: »Wenn einer genießt, was er macht, verliert er seine Haare nicht. Guardiola hat eine Glatze bekommen. Er genießt den Fußball nicht.« Puh.

Durch Reibung, sagt der Volksmund, entsteht Energie. Durch Reibung, sagt die Physik, entstehen Energieverluste. Bezogen auf José Mourinho und die Art, wie er den Fußball versteht, praktiziert und vermutlich sogar – volles, graumeliertes Haar – genießt, stimmen beide Sätze, je nachdem, auf wen man sie bezieht. Es sind nicht die einzigen Widersprüche, die er mühelos vereint. Er kann die idiotischsten Dinge sagen, und nebenbei auch noch Millionen von Männern beleidigen, und dennoch auf durchaus intelligente Art sein Ziel erreichen.

Nämlich in den Kopf des Gegners zu gelangen, in dessen Gedankenwelt. Wenn er es schafft, das Opfer seiner Attacken so aufzureiben, dass es sich zu einer Reaktion hinreißen lässt, dann hat er es, mal wieder, geschafft. Dann hat er, meist vor dem eigentlichen Spiel, einen ersten Sieg errungen.

»Wir waren Freunde – bis ich gegen ihn gewann«

So hat er es mit allen Kontrahenten gehalten, und auch wenn er sich ebenso lustvoll mit Journalisten, Schiedsrichtern, Funktionären, Spielern und neuerdings sogar mit der eigenen Mannschaftsärztin anlegt, gelten seine Angriffe im Kern doch immer den Trainern konkurrierender Vereine. Alex Ferguson von Manchester United, der ihm nach der ersten Begegnung in der Premier League den Handschlag verweigerte, Arsène Wenger von Arsenal, der erst in der letzten Saison die Nerven verlor und Mourinho, sehr zu dessen Freude und gespielter Entrüstung, handgreiflich anging, Rafael Benitez, mit dem ihn seit 2004, seit dessen Amtsantritt in Liverpool, eine innige Feindschaft verbindet und der über Mourinho sagt: »Wir waren gute Freunde, bis ich mit Liverpool anfing, gegen ihn zu gewinnen.« Und natürlich mit Guardiola, vor allem mit Guardiola, diesem Ästheten und Schöngeist, der alles ist, was er nicht ist. Durch Reibung entsteht das System Mourinho.

Dieses ist, wie die meisten funktionierenden Systeme, ein ebenso simples wie effektives Konstrukt, das stets auf Konfrontation ausgelegt ist, wodurch Mourinho sehr bewusst gleich mehrere Ziele verfolgt. Dadurch, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, macht er vom ersten Moment an klar, wer von nun an der Chef im Ring ist. Gleichzeitig schirmt er die Mannschaft von der Öffentlichkeit weitgehend ab, sorgt so für Ruhe in der Kabine und volle Konzentration auf dem Trainingsplatz.

Und er registriert von Beginn an sehr genau, wer zu einhundert Prozent hinter ihm steht. Wer ihm gegenüber nicht vollkommen loyal ist, wird gnadenlos aussortiert. Er hat keine Rivalen, er sucht sich Antagonisten, Gegenspieler, die er erst bewusst aufbaut, um sich dann an ihnen abzuarbeiten, was ihm seine Spieler in der Regel durch vollen Einsatz danken. José Mourinho sagt: »Man braucht nicht unbedingt Feinde, um sein Bestes geben zu können. Aber es ist besser.«

In Barcelona halten sie ihn für den Feind des Spiels

Wie erfolgreich er dabei ist, zeigt ein Satz von Alex Ferguson, dem anderen Großmeister des mind games, dem einzigen, an dem sich Mourinho letztlich die Zähne ausgebissen hat, wofür er ihn dann gleich so sehr bewunderte, dass er ab da um seine Freundschaft buhlte (und ihn wohl gerne auch bei Man United beerbt hätte). Selbst dieser Ferguson also, von dem Mourinho schnell wieder abließ, sagte 2010 zu Pep Guardiola, der als Trainer des FC Barcelona zwangsläufig das nächste Opfer des neuverpflichteten Real-Madrid-Coaches werden würde: »Bereite dich vor, Pep, Mourinho ist auf dem Weg zu dir.« Und als Guardiola nur lachte und entgegnete, so schlimm würde es schon nicht werden, lächelte Ferguson nur: »Ich habe jetzt ein glücklicheres Leben.«

Es wurde dann sehr schlimm, und es gibt Menschen in Guardiolas Umfeld, die glauben, er könnte noch immer Trainer des FC Barcelona sein, wenn es diesen Mourinho nicht gegeben hätte, den sie in Katalonien noch heute für den Leibhaftigen halten. Wegen Guardiola und weil sie in ihm einen Zerstörer des schönen Spiels sehen, das sie glauben, erfunden zu haben. Einen Feind des Spiels, das sie so prätentiös lieben, während dieser Portugiese ebenso prätentiös nur den Erfolg liebt (und sich selbst, was aber ja quasi dasselbe ist), jeden einzelnen dieser verfluchten Erfolge, die weder von der Hand zu weisen sind noch jemals in Vergessenheit geraten könnten – er weist ja permanent darauf hin. Vielleicht ist ihr Hass auch umso leidenschaftlicher, weil José Mourinho einmal einer von ihnen war, doch dazu später mehr.