Moment des Jahres (2): Fußball in Nicaragua

Lost in Transportation

Am 15. November sollte in Nicaragua ein Länderspiel stattfinden. Unser Autor fuhr hin – und erlebte den größten Reinfall seiner bescheidenen Groundhopper-Karriere.

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Diese Geschichte beginnt mit einer Sache, auf die ich nicht sonderlich stolz bin. Mit einem Satz, den man von angehenden Sachbearbeitern oder Hobby-Mathematikern kennt, und für gewöhnlich vermeide ich es, so in Gespräche einzusteigen. Aber es ist nun mal, wie es ist:
 
Ich liebe Datenbanken.
 
Besonders fasziniert bin ich von diesen schier endlosen Statistik-Sammelsurien aus der Welt des Fußballs. Webseiten, über die man fremde Welten eintaucht. In der Fußballvereine Namen tragen wie Ruvu Shooting Stars, Miji Miji FC oder Kerala Blasters FC. In der Ligen Division di Honor oder Ligi kuu Bara heißen. In der man über Tabellen aus Aruba, Spielansetzungen aus Amerikanisch-Samoa bei einem bolivianischen Pokalwettbewerb landet. Um jede einzelne Unterseite einer Statistik-Datenbank wie etwa soccerway.com zu besuchen, benötigt man vermutlich zwei oder drei Leben. Der »Spiegel« würde schreiben: Alle Daten auf soccerway.com zusammen haben mehr als 30 Terrabyte. Das sind fünf Millionen aneinandergereihte Bibeln. Oder zehn Millionen Telefonbücher von Castrop-Rauxel.

Eine Suche nach neuen Gesängen und Gerüchen
 
Ich nutze soccerway.com gerne, wenn ich Urlaub im Ausland mache und auf der Reise ein Fußballspiel besuchen möchte. Ich bin kein Groundhopper, ich führe kein Länderpunkt-Heftchen, ich muss keine weißen Stellen auf der Fußball-Landkarte ausfüllen. Aber ich verstehe, was Carlo Farsang, Deutschlands wohl bekanntester Groundhopper, mit dem Satz meint: »Manchmal fühle ich mich wie der Marlboro-Mann – nur ohne Pferd.«

Fußball, tausende Kilometer von der Heimat entfernt, kann man sich wie eine kleine Expedition vorstellen. Es ist eine Suche nach neuen Gesängen, neuen Farben, neuen Gerüchen, neuen Wegen, ganz weit weg vom genormten Multiplex-Arena-Event in der Heimat. Es könnte jede Menge schieflaufen, zumindest in der Theorie. In der Praxis geht natürlich immer alles gut. Was soll schon passieren, wenn der Routenplaner funktioniert und soccerway.com die nötigen Basis-Informationen liefert?
 
Im November war ich für einen Monat in Nicaragua unterwegs, und ich musste zunächst enttäuscht feststellen, dass in jenen Wochen sämtliche Ligaspiele in Orten stattfanden, die nicht auf meiner Reiseroute lagen. Aber dann terminierte der Verband kurzfristig ein Länderspiel auf den 15. November in Managua. Der Zeitpunkt war ideal, denn ich wollte am 16. November von Managua an die Karibikküste fliegen. Nicaraguas Nationalmannschaft, die bereits vor einigen Monaten kläglich in der WM-Qualifikation gescheitert war, sollte an diesem Tag ein Freundschaftsspiel gegen den costa-ricanischen Klub Municipal Liberia austragen. Anpfiff 18.30 Uhr.

Free as a Bird
 
Am frühen Nachmittag des 15. November quetsche ich mich also in einen dieser alten amerikanischen Highschool-Busse, die sie hier Chickenbusse nennen, fahre von Leon zum Busbahnhof Managua UCA und steige dort in ein Taxi. »Zum Estadio Nacional«, sage ich dem Fahrer, er nennt den Fahrpreis: 180 Cordodas, etwa sechs Euro. »Vamos!«, und der Fahrer nickt und dreht das Radio auf, Thunderstruck, Free as a Bird, Born to be wild, die besten Rock-Hits der Achtziger. Der Fahrer steckt sich eine Zigarette an, und wir reiten bei 60 km/h im zweiten Gang dem Sonnenuntergang entgegen.
 
Als wir an einer Ampel halten, bietet ein fliegender Händler einen lebendigen Kakadu feil. »Nur elf Dollar«, sagt er. »Mit Käfig zwölf.« Ich lehne ab und unterhalte mich mit dem Taxifahrer. Er ist ein freundlicher Mann, 30 Jahre alt vielleicht, Mittelscheitel, Ohrring, bisschen »Bravo«-Foto-Love-Story, bisschen Nick Carter von den Backstreet Boys, die besten Pop-Hits der Neunziger. Er kenne sich im Fußball sehr gut aus, sagt Nick, und dann zählt er ein paar Namen auf: Messi, Ronaldo, und das ist es im Grunde auch schon.