Moment des Jahres (1): Spanisches Pokalendspiel

...und dann kam Messi!

Unser Autor hat in der Vergangenheit selten Glück gehabt mit Fußballspielen – bis er im Mai das Copa-del-Rey-Finale besuchte.

Bild: Andreas Bock

Meine Topspiel-Quote ist ziemlich erschreckend. Wenn ich ein Fußballstadion besuche, werden selbst die vermeintlich besten Spiele aller Zeiten zu biederen Vorzeitkicks. All die großen Derbys, die Spitzenspiele, die Endspiele und Abstiegsduelle verwandeln sich mit meiner Anwesenheit mithin zu Partien, die ein Reporter nach 90 Minuten mit dem Satz abschließt: »Ein Spiel, das den Erwartungen nicht gerecht wurde.« Und über das Freunde resümieren: »Ein schönes Spiel, wenn man hässlichen Fußball liebt.«
 
Ich bin ein 0:0-Typ. Vielleicht sogar ein 0:1-Typ. 0:1 gegen Wattenscheid. 0:0 gegen Bayer Uerdingen. 0:0 gegen den VfL Bochum. Diese Saison 0:1 gegen Schalke. Das ist meine Kragenweite. Ich bin einer, der bei Nieselregen und neben schlecht gelaunte Hobby-Hools sein eigenes Bier über die Hose schüttet, während der neue Star-Stürmer aus zwei Metern über das Tor schießt. Ein Wunder eigentlich, dass ich nicht bei den vermutlich schlechtesten Partien der WM-Geschichte im Stadion gewesen bin, bei Schweiz gegen die Ukraine 2006 und Iran gegen Nigeria 2014.
 
Wenn ich es mir recht überlege, hätte der DFB guten Grund, mich mit einem Stadionverbot zu belegen.
 
In Spanien weiß man glücklicherweise nichts von meiner 0:0-Aura, und so ergatterte ich ohne Probleme ein Ticket für das Copa-del-Rey-Finale Ende Mai zwischen dem FC Barcelona und Athletic Bilbao. Mein Platz befand sich in der letzten Reihe, direkt unterm Dach, aber das war schon okay. Für das 0:0 nach Elfmeterschießen brauchte ich schließlich nicht die beste Sicht.

Das Raumschiff Camp Nou
 
Ich war das letzte Mal Mitte der Achtziger im Camp Nou. Davon gibt es sogar ein Foto. Damals fand kein Spiel statt, meine Eltern hatten mich einfach mal vor das Stadion drapiert und dann den Auslöser gedrückt. Das Stadion wirkte wie ein Raumschiff, das vom Himmel gefallen war. Ich stellte mir vor, wie hier 100.000 Menschen meinen Namen riefen und bekam es mit der Angst zu tun. Wenig besser erging es mir, als wir im Frühjahr 2015 Marc-André ter Stegen hier interviewten. Das Stadion drohte uns zu verschlucken, und als ter Stegen und die Fotografin die Tribüne wechselten, dauerte das ungefähr so lange wie eine Bahnreise von Berlin nach Hamburg.
 
In den letzten Jahren wurde mir eingebläut, dass ein Spiel im Camp Nou mit einem Opernbesuch vergleichbar sei. Fankultur? Stimmung? Atmosphäre? Gesänge? »Alter, geh lieber zu Tasmania Berlin gegen Lichtenberg 47«, sagten die Experten, die schon mal da waren. »Da ist mehr los!«

An jenem 30. Mai die große Überraschung. Schon vor dem Stadion herrschte eine Stimmung, wie ich sie bislang bei kaum einem Spiel erlebt hatte. Hunderte, tausende Männer mit Musikinstrumenten und bengalischen Fackeln. Überall, in den Gassen, den Bars, den Hauseingängen. Sie sangen voller Inbrunst, und wenn die Stimmen versagten, hämmerten sie einfach weiter und unentwegt auf ihre Pauken oder die Stromkästen.

Ein Mann übergab einem Kneipenwirt am Tresen ein brennendes Leuchtfeuer, weil er beide Hände brauchte, um das Bier zu seinen Kumpels zu tragen. Ein anderer blies eine Trompete auf Toilette.