Mit Thomas Doll in Budapest

»Vielleicht war ich wirklich ein bisschen naiv«

In Wahrheit war Doll immer auch ein akribischer Arbeiter, getrieben vom Ehrgeiz und vor allem von der Neugier. Im Auftreten nie so kosmopolitisch wie Pep Guardiola, in Interviews nie so eloquent wie Thomas Tuchel. Aber musste er das sein? Er war der ewige Spieler im Trainingsanzug, und eine ganze Zeit lang war es genau das, was seine Jungs an ihm schätzten.

Zu seiner HSV-Zeit ließ er etwa die Atmosphäre und Gesänge anderer Stadien aufnehmen und spielte diese vor den jeweiligen Auswärtsspielen beim Training ab. Schon vorher, 2001 bei den Amateuren, hatte Doll begonnen, täglich jede einzelne Übung einer Trainingseinheit handschriftlich zu notieren und sie in einem Ordnersystem abzulegen. Und als er nach seiner Zeit in Saudi-Arabien ein Jahr arbeitslos war, reiste er durch Europa, zu Champions-League-Spielen oder Trainingslagern englischer Premier-League-Teams, wo er mit den Kiebitzen am Zaun stand und die Trainergranden bei der Arbeit beobachtete.

Viel Zeit zum Grübeln

Damals hatte er viel Zeit zum Grübeln. Was hing ihm nach? Waren es nur diese neuneinhalb Minuten? War es was Privates? Oder war es wirklich falsch zu glauben, ein Trainer könne mit seinen Profis befreundet sein?

Thomas Doll steigt ins Auto, gleich beginnt die letzte Pressekonferenz vor dem Derby gegen Honved. »Ich war jung, und vielleicht war ich wirklich ein bisschen naiv«, sagt er. Heute ruft ihn kein Spieler mehr »Dolly«. Die Profis nennen ihn »Trainer« und siezen ihn. Heute geht er nach dem Training mit dem Team auch nicht mehr in die Bar, sondern analysiert seine Aufzeichnungen, sortiert seine Ordner, sichtet Videos oder schaut, was beim Hamburger SV los ist. Und dann ist da ja noch Katze.

Er brauche dringend seinen deutschen Co-Trainer, sagte Doll bei seiner Vertragsunterzeichnung in Budapest. »Aber du hast hier Csaba Mate, er kennt Ferencvaros!«, entgegneten die Klub-Verantwortlichen. Doll sagte, Csaba könne bleiben, aber er brauche zusätzlich »Katze«, den Mann, den er 2003 beim HSV kennenlernte. Damals arbeitete Zumdick als Co-Trainer von Klaus Toppmöller, und Doll war Chef der zweiten Mannschaft. Gegenseitig halfen sich die beiden mit Spielern aus, und sie verstanden sich so gut, dass Zumdick blieb, als Doll im Oktober 2004 Toppmöller ablöste. Sie blieben bis 2010 in Ankara ein Team.

Schlüsselspieler Tamas Hajnal

Schließlich verstanden sie bei Ferencvaros, dass diese Katze offenbar wichtig für den neuen Deutschen war, und so stand Ralf Zumdick bald darauf mit seinen Koffern vor Dolls Budapester Apartment. Sie wohnten die ersten Monate wie in einer WG. Aßen gemeinsam Abendbrot, beugten sich über die Kader- und Transferlisten, über Statistiken, Tabellen, lasen einander die unaussprechlichen Namen von kommenden Gegnern wie Diosgyör-Vasgyari Testgyakorlok Köre oder Bekescsaba Elöre Sportegyesület vor.

Sie holten ein paar erfahrene Leute. Zoltan Gera etwa, der zuvor in der Premier League für West Bromwich Albion gespielt hatte. Oder Roland Lamah aus Osasuna. Und schließlich den Schlüsselspieler, ihre neue Nummer 10: den ehemaligen Bundesligaprofi Tamas Hajnal. Spätestens im Herbst 2014 wurde das Spiel ihres Teams nicht nur attraktiver, es wurde vor allem stabiler.

»Was wolltest du sagen?« – Ralf Zumdick über Thomas Doll und Ferencvaros >>

Abschlusstraining. Es ist Freitagnachmittag, und in 27 Stunden beginnt das Derby gegen Honved. Ralf Zumdick sitzt am Trainingsplatz, Sechstagebart, Rahmenbrille, Trainingsanzug. Im Hintergrund hüpft Thomas Doll über den Platz. Ruft seinen Offensivspielern zu: »We go inside, there we can kill them.« Und seinen Abwehrspielern: »Gut gemacht, guys!« Beim Fünf-gegen-Zwei brilliert Doll am Ball, Hacke, Spitze. Es sieht aus wie in den frühen Neunzigern, Doll beim HSV, Doll bei Lazio.

Thomas, sagt Zumdick, habe hier die Freude am Fußball wiederentdeckt. Trotzdem würde es ihn für seinen Chefcoach freuen, wenn er eines Tages wieder in der Bundesliga arbeiten könne. »Er ist ein guter Trainer, der es verdient hätte«, sagt er.