Mit Dieter Schatzschneider durch Hannover

Hofnarr des Präsidenten?

Das ist jetzt mal nicht schnodderig daher gesagt, es ist ihm wichtig. Vermutlich, weil es für ihn die Vollendung eines Lebensweges wäre, der in Vahrenheide begann, einem Problemviertel von Hannover. Schatzschneiders Vater arbeitete beim Reifenhersteller Conti in Doppelschicht, trotzdem war nie genug Geld da. Also ging der junge Dieter klauen. »Jede Woche war die Polizei bei uns, anschließend gab es Hafer von meinem Alten.« Er lernte das Recht des Stärkeren und sich bei Schlägereien auf der Straße durchzusetzen. Das half ihm, sich im Fußball durchzusetzen, verhinderte aber zugleich den ganz großen Durchbruch. 1983 wechselte Schatzschneider zum Hamburger SV, der damals gerade Europapokalsieger geworden war und vom großen Ernst Happel trainiert wurde. »Ich war egoistisch bis zum Gehtnichtmehr, aber mit Ellenbogen allein kommt man nicht an die Spitze.« Seine Mitspieler schnitten ihn, und er schoss weniger Tore als erwartet. »Sie haben mich nicht gemocht, weil ich ein Arsch war.«

Schräge Typen und viel Alkohol

Über die Jahre hat er die alten Verhaltensweisen abgestreift. »So wie ich war, kann man als Mensch nicht sein«, sagt er. Vielleicht hat Schatzschneider auch deshalb keine Erinnerungsstücke an seine Spielerkarriere aufbewahrt. Und so gut er verrückte Anekdoten von damals erzählen kann, in denen schräge Typen und viel Alkohol vorkommen, ist er erstaunlich wenig nostalgisch. »Ich bin froh, dass ich mich an das meiste nicht erinnern kann, weil ich die Bereiche im Gehirn, wo das gespeichert war, weggesoffen habe.«

Zwar schimpft er über zu viel Wissenschaft und auf die »Schlipsträger« im Fußball, gerne fordert Schatzschneider ganz altmodisch Führungsspieler, aber den Fußball von heute findet er trotzdem besser als den zu seiner Zeit. Weil sich die Vereine besser um die Spieler kümmern, weil er heute nicht mehr die Grabenkämpfe innerhalb der Mannschaften sieht, die ihn einst quälten. Und das Training sei auch besser. »Die Trainer von damals müsste man noch nachträglich erschießen.«

Aber eigentlich gibt es keine offenen Rechnungen mehr. Schatzschneider bewegt sich mit der Entspanntheit eines Mannes, dem es an nichts fehlt, was ihm wichtig ist. Dazu gehört auch, mit alten Fußballern zu quatschen, an Trainingsplätzen rumzuhängen und zu Spielen durchs Land zu fahren. Vor allem aber Hannover 96 gedeihen zu sehen, seinen Klub. Klar, dass in seiner Welt ein Dieter-Schatzschneider-Weg ein Traumziel ist.
Nur ist ihm schon klar, dass die Idee beim Klub nicht auf ungeteilte Begeisterung stoßen wird. »Ich bin mehr der Poltergeist«, weiß er selber. Da mag er noch so gutmütig daherkommen und wie einer wirken, dem es vor allem darauf ankommt, dass er nur genug auf dem Teller hat. Seine Meinungen über Fußball sind nicht verhandelbar, auch bei der Aufzeichnung von »Schattos 96 Sekunden« nicht. »Schatto« ist einer seiner vielen Spitznamen, zu denen auch »Langer«, »Dicker«, »Schatz« oder »Schatzi« gehören. Doch wie auch immer er genannt wird, selbst bei der kurzen Aufzeichnung fürs Stadionfernsehen ist er nicht auf Kuschelkurs. Die Mannschaft sei nach der schlechten Leistung im Pokal nun in der Bringschuld ist, sagt er. Der junge Mann, der das Video zusammenschneidet, wird diese Aussage zwar nicht benutzen, aber stoppen wird Schatzschneider das nicht.

Die Stimme des Volkes

Abends sitzt er in der Fan-Kneipe »Nordkurve« beim »Anstoß«, einem Fan-Talk, zu dem am Mittwoch vor jedem Heimspiel der Klub und eine Lokalzeitung einladen. Wie bei den 51 vorherigen Ausgaben ist Dieter Schatzschneider als feste Größe dabei, der ja nicht nur Jugendscout ist, sondern ganz offizieller »Markenbotschafter« von Hannover 96. Das macht ihn zur institutionalisierten Stimme des Volkes innerhalb des Vereins.

Schon um kurz nach Sechs ist die Stimmung leicht aufgedreht, die Pleite in Aalen und das Freibier wirken. Einer von der Zeitung sitzt vorne mit auf der Bühne, der ehemalige Schiedsrichter Babak Rafati und Ex-Nationalspieler Marko Rehmer. Aber eigentlich sind die meisten wegen Schatzschneider gekommen, den Mann für den Klartext. Nur, so richtig poltert der Poltergeist zunächst nicht, und es bedarf einiger Nachfragen aus dem Publikum, bis es doch wieder passiert ist. Ein Satz, der aus dem Zusammenhang herausoperiert, am nächsten Morgen dafür sorgt, dass Tayfun Korkut zum Telefon greift. »Der Trainer macht Fehler«, hatte Schatzschneider gesagt. Er hatte zwar auch erklärt, dass er Korkut gut findet und seinen Weg unterstützt, aber das ging unter.

»Du bist der größte Brandstifter in diesem Klub«

Kein Wunder also, dass er einigen im Klub ziemlich auf die Nerven geht. Denn wie bitte kann der Jugendscout und Markenbotschafter des Klubs so tun, als sei er ein außenstehender Kritiker? Früher war es noch schlimmer, da hatte er einen Beratervertrag, und zugleich eine ziemlich meinungsstarke Kolumne in der »Bild-Zeitung«. So sind die Jahre gepflastert mit Konflikten. Gegen den ehemaligen Trainer Mirko Slomka hat er permanent gestichelt, was einer Mischung aus persönlicher Abneigung und sachlicher Kritik geschuldet war. Mit dem ehemaligen Manager Jörg Schmadtke hatte es intern so gerumst, dass dieser ihn mit den Worten aus einer Scoutingsitzung warf: »Du bist der größte Brandstifter in diesem Klub, und jetzt renn doch nach Großburgwedel.« Dorthin, wo 96-Präsident Kind den Sitz seines Unternehmens hat.

Denn natürlich ist das ein Problem: Viele halten Schatzschneider für eine Art Hofnarren des Präsidenten, der sich nur deshalb so viel herausnehmen kann, weil er so viele Stunden in der Woche das Ohr des Mächtigen hat. Schatzschneider selbst nervt das: »Ich möchte, dass der Respekt im Verein daher kommt, dass die Leute von dem überzeugt sind, was ich sage.«