Mit Dieter Schatzschneider durch Hannover

Poltergeist

Er ist nicht zu überhören bei Hannover 96. Aber welche Rolle spielt Dieter Schatzschneider eigentlich genau?

Tobias Kappel
Heft: #
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Morgens um Viertel nach acht auf dem mit Kopfsteinen gepflasterten Parkplatz des Gutshofs Rethmar in Sehnde möchte Martin Kind einfach mal ausbrechen, und Dieter Schatzschneider schüttelt dazu nur den Kopf. Kind hat am Vorabend die wichtigsten Sponsoren von Hannover 96 zu sich nach Hause eingeladen, ist trotzdem um halb sieben schon wieder in der Firma gewesen und soll nun in seiner Rolle als Vereinspräsident vor knapp hundert Geschäftsleuten einen Vortrag halten. Doch jetzt hat er erst einmal die Musikanlage seiner gewaltigen Limousine so weit aufgedreht als wolle er das niedersächsische Kaff durch reinen Schalldruck in Schutt und Asche legen: »I want to break free.«

Martin Kind, 70, strahlt. »Queen, meine Musik«, sagt er, gönnt sich die volle Lautstärke aber trotzdem bestenfalls 20 Sekunden lang. Dieter Schatzschneider, 62, winkt ab: »Ich steh’ mehr auf Kraftklub, und Jan Delay finde ich auch spitze.« Diskutiert werden kann der Geschmacksdissens zwischen den beiden nicht, weil schon die Veranstalter des Businessfrühstücks bereitstehen. Kind ist für sie natürlich eine Riesennummer: Hörgeräte-Imperium, 3000 Mitarbeiter, 170 Millionen Umsatz. Der Bürgermeister hat rote Bäckchen beim Händeschütteln. Schatzschneider rollt angesichts des Gewusels mit den Augen und grummelt: »Das kann ich nicht ab, gleich muss ich meine Pillen rausholen.« Er ist dann aber auch mit heißem Kaffee und Mett-Brötchen ruhig zu stellen. Anschließend schaltet er auf Stand-by; den Vortrag »Hannover 96 als Wirtschaftsunternehmen« hat er gefühlt schon hundert Mal gehört.

Am Anfang wollte Schatzschneider Freikarten

Wie lange die beiden gemeinsam durch die Gegend fahren, wissen sie selbst nicht mehr so genau. Sind es sieben Jahre, zehn oder inzwischen noch mehr? Jedenfalls fing es damit an, dass Schatzschneider bei Kind vorstellig wurde, um Freikarten für die Spiele von Hannover 96 einzufordern. Er fand das angemessen, als geborener Hannoveraner und erfolgreichster Torjäger in der Geschichte der zweiten Liga, davon 134 Tore in 178 Ligaspielen für Hannover 96. Als Vereinslegende, von denen es in Hannover so richtig viele nicht gibt.

Irgendwie schien Martin Kind die Chuzpe zu gefallen, obwohl er es hasst, Freikarten zu vergeben. Als Gegenleistung musste Schatzschneider an Spieltagen also Sponsoren bespaßen. Irgendwann begannen sie, gemeinsam zu jedem Spiel zu fahren. Die Plätze in Kinds Wagen sind begehrt und oft prominent besetzt. Dirk Rossmann ist manchmal dabei. Seine Drogeriemärkte haben ihn zum mehrfachen Milliardär und einem der 50 reichsten Deutschen gemacht. Schatzschneider nennt ihn Dirk. Natürlich taucht im Umfeld von Kind auch die »Hannover-Connection« auf: Carsten Maschmeyer etwa oder Gerhard Schröder, der Schatzschneider in seiner Zeit als Kanzler öfter mal nach Berlin eingeladen hat.

Heute sitzt Schatzschneider auch unter der Woche meistens am Steuer, wenn Kind einen seiner vielen auswärtigen Termine wahrnimmt. Nun umschwirren viele Ex-Profis ihre ehemaligen Klubs und glauben ein Anrecht darauf zu haben, weiter eingebunden zu sein. Was sie als Gegenleistung anzubieten haben, weiß man zumeist nicht. Umso mehr stellt sich die Frage, weshalb Martin Kind, dieser asketische, sentimentaler Gefühle unverdächtige Macher den dicken Torjäger von früher zu, na ja, wozu eigentlich genau gemacht hat?

Offiziell ist Schatzschneider Scout

Es ist zugig am Trainingsplatz der Sportschule Barsinghausen. Schatzschneider lehnt am Geländer und schaut zu, wie die U18-Nationalmannschaft trainiert. Deren Keeper spielt bei 96 und Schatzschneider findet, dass er so gut ist wie Manuel Neuer im gleichen Alter. Er hätte ihn auch gerne schon in dieser Saison bei den Profis im Training gesehen und hat das auch öffentlich gesagt. Gerade drängt es ihn sowieso mal wieder, sich ein wenig Luft zu machen. Nachts ist er mit der Mannschaft vom DFB-Pokalspiel aus Aalen zurückgekommen. Ein grauenhaftes Spiel beim Vorletzten der zweiten Liga und das Aus in Runde zwei. Er erzählt zwei Ex-Profis, die hier für Berateragenturen herumstehen, wie schlimm der Kick war. Dann geht es ums Geschäft. Wer ist gut, wer ist schlecht, was ist sonst so los? Der Vater eines Jugendspielers vom VfL Bochum ist auch da. »Wann kommt Ihr Junge zu uns?«, fragt Schatzschneider. Offiziell ist er Scout der Jugendabteilung von 96, mit Vertrag und Dienstwagen.

Von Barsinghausen bis zum Eilenriedestadion dauert die Fahrt eine gute halbe Stunde, genug Zeit für knallige Zerstörungsphantasien: Benzin verschütten und ein Streichholz reinhalten – oder gleich Dynamitstangen. Jedenfalls würde Schatzschneider die Tribüne von 1922, die inzwischen unter Denkmalschutz steht, am liebsten dem Erdboden gleichmachen. Sie ist sein Feind, denn dort im Eilenriedestadion ist die Nachwuchsabteilung des Klubs untergebracht, und viele Eltern talentierter Kinder fahren direkt weiter nach Bremen oder Wolfsburg, wenn sie das sehen. »Das tut mir im Herzen weh«, sagt Schatzschneider und öffnet die Tür zu einem unheimlich traurigen Gymnastikraum, in dem verbeulte Geräte herumliegen wie tote Tiere. Er hat auch Recht, was die Toiletten betrifft, in ihrer Nähe verwandelt sich der unschöne Muff alter Gemäuer in veritablen Gestank.

Wie jeder Fan, und Dieter Schatzschneider ist zweifellos einer, träumt er von einer funktionierenden Nachwuchsabteilung, die unablässig große Talente aus der Region für die erste Mannschaft ausbildet. Deshalb hat er über die Jahre beharrlich auf Martin Kind eingeredet, dass der Klub hier dringend investieren müsse. Eigentlich bedürfte es der Zerstörungsphantasien inzwischen auch nicht mehr, denn die Planung fürs neue Nachwuchsleistungszentrum steht. Die Vermesser waren bereits da, im nächsten Jahr wird gebaut. Und wenn alles fertig ist, so stellt Schatzschneider es sich vor, soll sein nimmermüdes Engagement für das Nachwuchsleistungszentrum damit belohnt werden, dass der Weg von der Straße zur Tribüne seinen Namen bekommt: Dieter-Schatzschneider-Weg. »Aber zu Lebzeiten, danach brauch ich das nicht mehr.«