Mit dem Zug durch Russland

»Wir sind doch nicht die Politiker. Wir sind die Menschen.«

Javier sagt, ihm sei es zu heiß. Wir gehen zurück ins Abteil. Alexander und Natalia schauen aus dem Fenster. Ihr Land hat sich verändert in den vergangenen Jahrzehnten. Es ist ihre Heimat, aber sie scheinen erschöpft zu sein. Vom Gebelle in Moskau, vom Gepose der Mächtigen. »Weißt du«, sagt Alexander, »wir sind doch nicht die Politiker. Wir sind die Menschen.«

Russland ist mit 17 Millionen Quadratkilometern so groß wie ganz Südamerika. Hier leben 144 Millionen Menschen. Einige unterstützen Putin, andere gehen auf die Straße und kämpfen für Rechte. Einige gehen in Fußballstadien und prügeln sich, andere halten Flaggen hoch, auf denen steht: »No to racism«. Einige haben armenische und tatarische Wurzeln, andere sind Baschkiren oder Tschuwaschen. »Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium. Aber vielleicht gibt es ja einen Schlüssel«, sagte der britische Premierminister Winston Churchill mal.

»Vielleicht sollten wir einfach immer nur Zug fahren in Russland.«

Den Schlüssel wird man nicht während dieser WM finden. Aber vielleicht kann man auf einer Fahrt mit der Transsib ein wenig durchs Schlüsselloch schauen. »Wir müssen mehr reden«, sagt Alexander noch einmal, und man merkt, wie es ihn schmerzt, dass sein Englisch über all die Jahre so eingerostet ist. »Vielleicht sollten wir einfach immer nur Zug fahren in Russland.«

Als wir in Nischni Nowgorod einfahren, holt er eine neue Tupperdose hervor, Pflaumen. »Take please«, sagt er. Und dann: »We see in el tren otra ves, Andreas.«