Mit dem Zug durch Russland

Gespräche wie aus einem Loriot-Drehbuch

Mit mir im Abteil sitzt ein russisches Ehepaar, Alexander und Natalia, Mitte 70, Moskauer. Mittlerweile leben sie in Spanien. Alexander sieht ein wenig aus wie ein tatarischer Schriftsteller, der gerade von seiner Datscha kommt, wo er die letzten Zeilen seines Jahrhundertromans geschrieben hat. Blaue Wickelhose, Pantoffeln, Polohemd. Sie sind zurückgekehrt, weil sie noch mal eine große Reise durch ihr Land machen wollten. Sieben Orte, neun Orte, ein Monat unterwegs, tausende Kilometer. Alexander spricht gutes Spanisch, aber leider kaum Englisch. Bei mir ist es andersherum. Die ersten Gespräche klingen wie aus einem Loriot-Drehbuch. Es ist großartig.

Alexander (neugierig): »Adonde, äh...«
Natalia (fürsorglich): »What...«
Alexander (bestimmt): »What go you?«
Ich (überfordert): »Va, voy, äh, I am from Germany.«
Alexander (verzweifelt): »Adonde?«
Ich (beschämt): »De donde?«
Natalia (hilfsbereit): »Why?«
Ich (hoffend): »Where?«
Alexander (begeistert): »Da. Si.«
Natalia (amüsiert): »Yes.«
Ich (resümierend): »Kasan.«
Alexander (erleichtert): »Bueno, nosotros, we tambien.«

Aber der Zufall meint es gut mit uns, kurz darauf setzt sich Javier dazu, geboren in Mexiko, wohnhaft in San Diego. Typ Baseballprofi im wohlverdienten Ruhestand, Baseballcap, ein Trikot, das etwas spannt über dem Bauch. Er lebt in San Diego, unweit der mexikanischen Grenze. Fußball kann er dort fast nie sehen, denn in San Diego gibt es kein MLS-Team. Einige seiner Freunde fahren nach Tijuana, zu den Xolos, aber er hält zu L.A. Galaxy.

»Wir müssen alle mehr miteinander reden.«

Nun sitzen sie hier: Ein Mexikaner aus den USA, der die Grenze sehen kann. Ein Russe, der in Spanien lebt und zurückgekehrt ist. Und ein Deutscher. Javier sagt, seine Eltern hatten nichts, denn sie waren Farmer. Er hatte wenig, denn er keine gute Chancen als Einwandererkind, aber sein Sohn, der gerade 19 geworden ist, studiert jetzt am Berkeley College. »Er will in die Politik gehen«, sagt Javier und sein Trikot spannt noch ein wenig mehr, so stolz ist er. »Weißt du, viele gehen jetzt in die Politik, damit nie wieder so ein Präsident gewählt wird.« 


Alexander und Natalia auf großer Tour.

Alexander nickt. Er hat in Kairo studiert, spricht sogar ein wenig Arabisch. Er hat die Welt bereist. Er sagt: »Wir müssen alle mehr miteinander reden.« Dann öffnet er seine Tubberdose. »Eat my friends, Grechika con pollo.« Greschicka?, frage ich. »Si, yes«, sagt Natalia, und Javier googelt das Wort: »Greschika, Buckwheats«, sagt er. Buchweizen.

Heute ist alles möglich

Javier und ich gehen in den Speisewagen. Es ist pickepackevoll. Javier bestellt eine Runde Dosenbier, zwei Honduraner, acht Mexikaner, Spanier, zwei Inder, drei Iraner, fünf Russen, vier Südkoreaner, drei Australier stehen und sitzen kreuz und quer in dem 30 Quadratmeter großen Raum verteilt. Dazu drei Bedienungen, die ganz aufgeregt hin und her eilen. Karina sagt, sie habe oft Menschen gesehen, die zu viel Wodka getrunken haben, einer ist mal in Oritschi aus dem Zug gestiegen, nur in Unterhose und Latschen. Dann fuhr der Zug wieder ab, ohne Signal, ohne Klingeln, und der Mann stand noch auf dem Bahngleis und übergab sich. Aber das hier? Menschen aus aller Welt, die sich gegenseitig besingen? Das ist ganz neu für sie.

Die Mexikaner dirigieren den Waggon. Ein Junge mit einer Abchasien-Cap, Goldzähne, sagt: »Beer, beer.« Der Mexikaner sagt: »Salud, salud.« Danach singen sie Arm in Arm das alte Volkslied »Kalinka«, wobei der Mexikaner nur ein paar Wörter kennt. »Ach! Krasawiza, duscha-dewiza,Poljubi she ty menja!« Ach, schönes Mädchen, liebes Mädchen, hab mich doch lieb. Vielleicht fahren sie heute noch nach Peking oder Ulan Bator. Vielleicht ziehen sie für immer los um die Welt, heute ist alles möglich. Hab mich doch lieb.