Mit dem Zug durch Russland

Wer für immer untertauchen möchte, könnte hier aus dem Zug springen

»Smoking?«, fragt schließlich Kristoffer, und Natascha sagt: »Come!« Und dann begleitet die Zugbegleiterin die Schweden über das Verbindungsgelenk der Waggons zu einer Ausgangstür und öffnet sie bei voller Fahrt. Dort ziehen sie heimlich, wie früher auf dem Schulhof, eine durch und schauen auf die vorbeziehenden Birken und die Orte im Nirgendwo. Jungs am Schienenrand, die einen Stock werfen. Ein Hund, ein kaputtes Auto. Wo sind wir? In Bolschoje Nagatkino? In Kika? Wer für immer untertauchen möchte, könnte hier aus dem Zug springen, neues Leben, neue Identität, Autos reparieren oder in einer Holzhütte an der Swijaga leben. Ich rechne fest damit, dass der Moldawier hier das Weite sucht, aber er bleibt stoisch am Platz sitzen und isst einen Teller »Nudeln mit Soße«.

Ich könnte ewig weiterfahren in diesem Zug, zumindest noch zwei Tage, denn so lange ist Zug »Severny’j Ural«  noch unterwegs, Kommunisticheskaya, Von’yegan, Endstation Priob’ye, Westsibirien, 7200 Einwohner. Aber in Nischni Nowgorod muss ich raus, Südkorea spielt am nächsten Tag gegen Schweden. Ich verabschiede mich von den Argentiniern, den Schweden, ihren Beinahe-Freundinnen. Der Moldawier ist verschwunden. Sprang er in Kika aus dem Zug?

»Fährst du langsam, kommst du weit.«

In Deutschland ist die längste Bahnstrecke 1300 Kilometer lang. Wenn man zusammen in einem Abteil sitzt und es mal wieder etwas länger dauert, nennen die Leute das Schicksalsgemeinschaft. Sie sprechen nur miteinander, wenn es sein muss, »Gesundheit«, »Dürfte ich mal vorbei«, »Wo ist das Bordrestaurant?«.


»Fährst du langsam, kommst du weit!«

In Russland lautet ein Sprichwort: »Fährst du langsam, kommst du weit.« Es geht zurück auf die alten Pferdefuhrwerke, bei denen die geschonten und gemächlichen Tiere oft mehr Strecke machten als die gehetzten. Wer in der Transsibirischen Eisenbahn sitzt, versteht den Satz. Einige Züge schleichen so gemütlich durch die Landschaft, dass man sich nicht wundern würde, wenn eine Seniorenwandergruppe sie überholen würde. Aber vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb vieles hier noch wirkt wie vor 30 oder 40 Jahren. Die Züge halten mit dem Tempo der Gegenwart einfach nicht mit. Sie werden immer wieder von der Vergangenheit eingeholt.

»Bitte nimm dir eine Pflaume, sie ist aus meinem Garten.«

Trotzdem werden die Fahrgäste nicht hektisch. Im Gegenteil: Sie scheinen alles zu entschleunigen, ihre Gedanken, ihre Termine, ihr Leben, zumindest für die paar Stunden oder Tage, die sie hier sitzen. Sie gehen nachsichtig miteinander um, weil es keine Privatsphäre gibt und keine Grenze. Sie sind keine Schicksalsgemeinschaft. Sie sind Mitfahrer, und sie könnten sogar Freunde werden, in der Holzklasse sind alle gleich. Sie öffnen ihre Tupperdosen und sagen: »Bitte nimm dir eine Pflaume, sie ist aus meinem Garten.«

Wenn man einfach sitzenbleibt, kann man in manchen Zügen so weit fahren, dass der Osten fast schon wieder Westen ist. Von Moskau über Nowosibirsk und Irkutsk nach Ulan-Bator und schließlich Peking sind es 7622 Kilometer. Man kann aber auch 9289 Kilometer nach Wladiwostok reisen, Nordkorea in Sichtweite, dahinter das japanische Meer, dann der Pazifik, Kalifornien. Wenn man bis nach Wladiwostok fährt, braucht man mindestens sechs Tage, durchquert zwei Kontinente und sieben Zeitzonen.

Für Fans eines der letzten großen Abenteuer

Der dort ansässige FK Lutsch-Energija Wladiwostok ist unter Russlands Fußballprofis und Trainern vermutlich der verhassteste Klub des Landes. Für Fans hingegen ist er eines der letzten großen Abenteuer. Einmal machten sich ein paar besonders harte Anhänger von Zenit Sankt Petersburg mit einem Auto auf nach Wladiwostok. Als sie ankamen, gab der Motor den Geist auf, und sie reisten mit der Transsib zurück. Richtige russische Groundhopper haben aber diesen Trip längst überboten. Der letzte Schrei soll momentan eine Reise in die andere Richtung sein: Von Wladiwostok über den Pazifik, nach Mexiko oder in die USA, dann rüber nach Europa und nach Sankt Petersburg oder Moskau. Natürlich mit dem Schiff.


Schlafwagen: Zweite Klasse

Am Dienstagabend sitze ich in einem Abteil eines Nachtzuges mit der Nummer 041G. Abfahrt in Nischni Nowgorod um 21:25 Uhr, Ankunft in Kasan um 5:57 Uhr. Diesmal habe ich Zweite Klasse gebucht. Der Unterschied zur Platskartny: Die Viererabteile haben eine Tür, und das Abendessen ist inklusive.