Mit dem Zug durch Russland

Trainhopping

Mit der Transsibirischen Eisenbahn kann man so weit nach Osten fahren, dass man fast wieder im Westen rauskommt. Es ist eine Reise, die Menschen zusammenbringt und Leben entschleunigt. Vor allem während der WM.

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Auf den Fifa-Fanfesten feiern Menschen aus aller Welt eine bunte und friedliche Party. Eben waren sie noch Fremde – Nigerianer, Russen, Peruaner –, und nun liegen sie sich in den Armen, als wären sie seit Kindesbeinen miteinander befreundet.

So jedenfalls stellt die Fifa sich das vor.

In Wahrheit sind die großen Fanfeste vor allem eines: rücksichtslos. Es fängt schon damit an, dass man dort gerne mal Lautstärke mit guter Laune verwechselt. Alles ist immer total drüber: die Kirmesmusik aus den Boxen, der Dauer-Selfie-Beschuss, der überteuerte Merchandiseshop und der Fressstand, an dem Cheeseburger schmecken wie die Sohle eines Fußballschuhs von der WM 1954. Besonders anstrengend ist es in Moskau, wo das Fest vor der Staatlichen Universität stattfindet, weshalb hier jeden Tag hunderte Studenten demonstrieren. Sie können sich wegen des Lärms und der Menschenmassen nicht auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten.

Künstliche Remmidemmi-Events

Wer wirklich wissen möchte, wie der Fußball Menschen zusammenbringen kann, sollte um diese künstlichen Remmidemmi-Events einen großen Bogen machen. Er sollte dafür mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland reisen. Am besten: Nachtzug, Zweite oder Dritte Klasse, der Speisewagen in der Nähe.

Meine erste Bahnfahrt verlief, zugegeben, recht unspektakulär. Vergangenen Freitag, Moskau bis Sankt Petersburg im Expresszug, Abfahrt 9:40 Uhr, Ankunft 13:32 Uhr. Ich saß so weich, dass ich von Moos träumte. Es gab Brötchen, Wasser, Tee. Und die Beinfreiheit war enorm. Zwischen meine Knie und dem Vordersitz hätte ein komplettes Bordbistro der Deutschen Bundesbahn gepasst.

Dresscode: Jogginghose, Latschen, oberkörperfrei.

Auch von Moskau nach Nischni Nowgorod, 461 Kilometer, gibt es Express-Verbindungen, mit dem Zug »Strizh«, was so viel wie »schnell« bedeutet, schafft man die Strecke zum Beispiel in dreieinhalb Stunden. Aber diesmal buche ich die »Severny’j Ural« (Nord-Ural) und kaufe für umgerechnet 40 Euro eine Platskartny, das ist ein Ticket für die Holzklasse, Dritte Klasse, Zwischenstopps in Kowrow und Dserschinsk, 26 Minuten Aufenthalt in Wladimir. Gesamtfahrzeit: 6:24 Stunden. Allerdings fährt der Zug tagsüber. Transsib für Anfänger.

Im Waggon sind es gut 40 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist so hoch wie im guatemaltekischen Regenwald. Richtige Abteile gibt es in der Dritten Klasse nicht, vielmehr sitzt oder liegt man hier in einer Art Mannschaftslager. In Einbuchtungen mit dünnen Zwischenwänden. Wer einmal den komplette Zug abgeht, sollte sich für den Marsch Verpflegung und bestenfalls einen Wanderstock mitnehmen. Aber es ist faszinierend, in jeder Einbuchtung ein kleiner Ausschnitt aus einem anderen Leben. Geschichten, die man weiterspinnen kann oder einfach vergisst.


»Auf zum Speisewagen!«

Liege 18/19: zwei gesichtstätowierte Typen spielen Schach. Liege 25/26: Ein Kind schreit, weil der Vater keine Zeit hat und lieber ein paar Hemden auf dem Ausklapptisch faltet. Liege 32/33: Zwei ältere Männer, Mongolen vielleicht, die aussehen, als säßen sie seit der Oktoberrevolution in diesem Zug. Dann noch ein paar Typen, die sich über Trockenfisch hermachen und Laute oder Ukele spielen. Schließlich ein Teppich, den jemand als Sichtschutz provisorisch an der Zugdecke befestigt hat. Im Gang Tüten, Seesäcke, jemand isst Borschtsch, die meisten aber Kekse, überall Kekse, ein Krächzen, vielleicht ein Kranker, vielleicht ein Huhn. Am Ende des Waggons Franzosen und Brasilianer, die darüber streiten, wie gut Spanien ist. Allgemein akzeptierter Dresscode in der Holzklasse: Jogginghose, Latschen, oberkörperfrei.

»Vamos, auf zum Speisewagen. Das Bier darf nicht warm werden.«

In meiner Einbuchtung liegen drei etwa 30-jährige Argentinier aus Cordoba, denen es nicht gut geht. Sie stöhnen und ächzen, weil sie sehr viel getrunken haben in den vergangenen Tagen. Aber es muss ja weitergehen. »Vamos«, schreit der Anführer also. »Vamos, auf zum Speisewagen. Das Bier darf nicht warm werden.«

Fünf Stunden später hängen sie mit ein paar Schweden auf den Bänken und versuchen den Bedienungen, beide um die 60, ihre Namen zu buchstabieren, was schon beim Schweden Kristoffer und der Russin Natascha eine halbe Stunde dauert. Dann stoßen sie an, auf die Freundschaft, auf den Trockenfisch, auf ihre Namen. Ich habe ein richtiges Abendessen bestellt. Auf der Speisekarte vergessene Typografien, vergessene Gerichte. Eines nennt sich »Huhn mit Käse überbacken«, ein anderes »Brot mit Wurst«, dazu Kartoffeln. Und tatsächlich kommt genau das: Brot mit Wurst, Huhn mit Käse überbacken, keine Rosmarin-Beilage an den Kartoffeln, keine Mayonnaise auf dem Brot, kein Schnickschnack.


Speisekarte in der Transsib.

Die Transsib ist ehrlich und direkt. Sie möchte einem keine Treuepunkte andrehen. Sie jubelt nicht von Geiz-ist-geil. Sie fragt nicht, ob man einen Soja-Latte laktosefrei haben möchte, und Menschen, die ihre iBooks auf den Tisch stellen, schaut sie an wie Zeitreisende aus der Zukunft. In Wladimir steigt ein Mann zu, der aussieht wie ein moldawischer Gegenspieler aus einem Raymond-Chandler-Krimi, Aktentasche, Sonnenbrille, übergroßes weißes Hemd mit Lederkrawatte. Als er die Transsib betritt, sieht es ein bisschen so aus, als umarme sie ihn. Vergessene Typen.