Mijat Gacinovic bei Eintracht Frankfurt

Mehr als 70 Meter

Besser als im DFB-Pokal-Finale kann es für Mijat Gacinovic bei Eintracht Frankfurt nicht mehr werden. Das ist aber auch gar nicht nötig. Für ihn geht es darum zu beweisen, dass er mehr ist als 70 Meter in Berlin. 

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Von Zeit zu Zeit schaue ich mir das Spiel erneut an und bekomme Gänsehaut. Jene Partie an einem warmen Berliner Frühsommer-Samstagabend im Mai, als Kevin-Prince Boateng den Ball lang schlug, sein Bruda Ante Rebic zweimal der Bayern-Abwehr davonlief und ganz Frankfurt in Ekstase versetzte. Als Mijat Gacinovic den Ball bekam, losrannte und ganz Frankfurt, nein, ganz Fußballdeutschland für einen Moment den Atem anhielt.

Es gibt ein Video von mir, der ich an jenem Abend leider nicht im Olympiastadion sein konnte, das diese Sekunden dokumentiert. Es geht in etwa so: Kurze Stille während der Bayern Ecke. Ein In-die-Hände-Klatschen, als sie abgefangen wird. Sekundenbruchteile Fassungslosigkeit, als Gacinovic den Ball an Coman vorbeilegt und freie Bahn hat. Dann laute Schreie, alles, was die vom Jubeln und Beklagen schon längst heisere Stimme noch herzugeben hat: »Geh, Junge, geh!«, dann, urschreigleich: »Jaaaaaaaaaaaaa«. Kurz danach kullern Freudentränen über meine Wangen. 


One-Hit-Wonder des Fußballs

In diesen acht Sekunden besiegelte Mijat Gacinovic den DFB-Pokal-Sieg von Eintracht Frankfurt über den FC Bayern München – und schaffte auf 70 Metern, wofür andere länger als ein ganzes Leben brauchen: Er machte sich unsterblich.

Es gibt Menschen, auch Fußballer, die zerbrechen an solchen Momenten. Oder zumindest können sie nicht daran anknüpfen. Weil ihnen der Erfolg zu Kopf steigt, weil sie einfach nicht mehr bieten können, den Höhepunkt vorweggenommen haben. Von One-Hit-Wondern wird dann rückblickend gesprochen. David Odonkor kommt einem da unfreiwillig in den Kopf, Oleg Salenko oder Michael Anicic. Mit etwas Glück tauchen sie in Best-Of-Compilations auf, werden noch 30 Jahre später ausschließlich zu diesem einen Spiel interviewt oder dürfen bei einer Reality-TV-Show teilnehmen. 


»Der beste Moment meiner Karriere«


Ein solches Schicksal ereilt häufig Menschen, die viel, ja, zu viel nachdenken. Zu dieser Sorte gehört auch Mijat Gacinovic. Selbstzweifel sind die treuen Begleiter seiner Profikarriere. Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass ihm Ähnliches passiert, wenngleich er sich der Bedeutung seines Tores mehr als bewusst ist. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau nannte er es »definitiv den beste Moment meiner Karriere.«

Bedeutungsschwere Worte, schließlich sprach er sie nicht in einem Karriereinterview zehn Jahre nach der aktiven Laufbahn. Nein, Gacinovic ist erst 23 Jahre alt. Das kann man allerdings zugegebenermaßen schnell vergessen, denn in seiner vierten Saison bei der Eintracht zählt er in Frankfurt schon zu den Dienstältesten Profis. Dementsprechend kündigte er vor der Saison an: »Ich will ein Führungsspieler sein. Ich bin schon lange hier.« Gacinovic möchte nicht zum One-Hit-Wonder werden. Im Gegenteil: Das Pokalfinale soll nur der Anfang gewesen sein.