Midtjyllands Revolution

»Wir haben immer schon neue Wege bestritten«

»Wir haben immer schon neue Wege bestritten, das ist Teil der DNS unseres Klubs«, sagt Steinlein. Seit vielen Jahren lebt der Verein von seiner Jugendarbeit und den millionenschweren Verkäufen von Spielern wie Winston Reid oder Simon Kjær, dessen Vater noch immer als Zeugwart bei Midtjylland arbeitet.

So sind sie hier in Herning, einem Städtchen von 48 000 Einwohnern mit roten Backsteinhäusern und einer Fußgängerzone, in der die Geschäfte schon um halb sechs schließen. Drumherum sind karge Heideböden, weshalb die Menschen früher eigensinnig und beharrlich auf Schafzucht setzten. Bald stellten sie nicht nur Wolle, sondern auch Kleidung her, und irgendwann war Midtjylland, Mitteljütland, das Zentrum der dänischen Textilindustrie. Viel wurde für die Kunden des Otto-Versands produziert, auch die Unterhosen, für die Cristiano Ronaldo wirbt, kommen von hier. Vor ein paar Jahren wurde in Herning ein Messekomplex gebaut, der größte Skandinaviens. Daneben steht das Stadion des FC Midtjylland und die größte Veranstaltungshalle Dänemarks. Katy Perry war neulich hier, Madonna wird im Spätherbst kommen. Das ist so, als würden sie in Deutschland nicht in Berlin spielen, sondern in Celle.

Hier im Niemandsland waren sie immer Dick Fosbury, und das gefiel Matthew Benham auch gleich so gut an diesen Dänen. Denn für ihn gibt es in jeder Branche nur zwei Modelle: Best in Business oder eben das Fosbury-Flop-Modell. Bei dem einen macht man das, was alle machen, nur möglichst am besten. Beim anderen versucht man so innovativ zu sein, wie einst Dick Fosbury, als er mit dem Rücken zuerst beim Hochsprung die Stange überquerte.

»Antworten auf Fragen geben, die niemand gestellt hat«


Benham hat immer Marktschwächen gesucht, erst unterbewertete Aktien am Finanzmarkt, dann Wettquoten, die er schlagen kann. In der irrationalen Welt des Fußballs gibt es sie zuhauf. Durch Klubs, die ihre wichtigsten Angestellten rauswerfen, als würden sie die Götter besänftigen wollen, weil ihre Mannschaft gerade kein Glück hat. Trainer, die den kürzesten Weg zum Erfolg auslassen, und Manager, die nicht wissen, in welcher Liga sie gute Spieler für wenig Geld bekommen.

Dabei mangelt es im Fußball nicht an Leuten, die eifrig über das Gegenstück zum Fosbury Flop nachdenken: Spielanalytiker, Statistiker oder Sportwissenschaftlern gibt es bei vielen Klubs. Vereinsboss Rasmus Ankersen, der in der kommenden Saison auch noch beim FC Brentford zur sportlichen Leitung gehören wird, nennt sie IQ-Typen. Ihr Problem ist nur, dass der Fußball immer noch von EQ-Typen regiert wird. Also von all den emotionalen Trainern und Managern mit ihrem ausgeprägten Bauchgefühl. Dem kühlen Verstand der IQ-Typen stehen sie oft genauso misstrauisch gegenüber wie die Vereinsbosse, die zumeist nur naive Fans sind. So gehen die IQ-Typen oft frustriert ihrer Arbeit nach und treffen sich auf Konferenzen mit Gleichfrustrierten, wo sie »Antworten auf Fragen geben, die niemand gestellt hat«, wie Ankersen spottet.

Seit Jahren ist im Fußball nach der ersten »Moneyball«-Fußballmannschaft gesucht worden. So wie es Billy Beane im Baseball mit den Oakland Athletics vorgemacht hat, wo er Spielstatistiken radikal anders analysierte und damit der wirtschaftlich überlegenen Konkurrenz eine Nase drehte. Sogar nach Hollywood hat er es damit geschafft, wo er im Film »Moneyball« von Brad Pitt gespielt wurde. Im Fußball aber kamen die IQ-Typen mit ihren Zahlen irgendwie nicht weiter, weil das Chaos auf dem Platz mit Statistiken letztlich nicht wirklich verständlicher wird. Dabei geht es, wie der FC Midtjylland zeigt, nicht um eine Geheimformel des Fußballs, sondern um die Synthese von kühler Analyse und Herz.

»Jeder Standard ist für uns eine Sache auf Leben und Tod«

»Je länger ich mich damit beschäftigte, was wir hier machen, desto deutlicher sehe ich die Vorzüge«, sagt Mannschaftskapitän Kristian Bach Bak. Bei Ecken und Freistößen geht es ihm aber auch um die richtige Haltung: »Jeder Standard ist für uns eine Sache auf Leben und Tod.« Manchmal entscheidet das Spiel eben die Entschlossenheit eines Mannes wie Bak, der jeder Ecke entgegenfliegt, als wäre es die letzte. Für den Erfolg einer Mannschaft braucht es auch die Einfühlsamkeit, wie sie Trainer Riddersholm für seine Spieler mitbringt. Es bedarf der vergnügten Bissigkeit und des Verhandlungsgeschicks eines Claus Steinlein. Aber in Midtjylland haben sie zum ersten Mal einen wie Matthew Benham an der Seite, der sie gelehrt hat, den Zufall ernst zu nehmen und ihren Gefühle nicht blind zu vertrauen.

Auf der Fahrt durch das nächtliche Dänemark nach Kopenhagen hat Ankersen noch mal lange mit Steinlein telefoniert. Es ging um das Spiel gegen Silkeborg und mögliche Transfers für die kommende Saison, in der sich Midtjylland auch in Europa beweisen will. Ankersen ist der Mittler zwischen den Welten von Emotion und Intellekt, und man merkt auch kurz vor Mitternacht noch, wie aufregend es für ihn ist, dass sie hier zum ersten Mal im Fußball erfolgreich zusammenkommen. »Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wohin uns das noch bringt«, sagt er, »aber vielleicht ist es wirklich eine Revolution.« Und sie hat gerade erst angefangen.