Michael Rummenigge über seinen Bruder Karl-Heinz

Mein Bruder, der Weltmann

Wir fuhren damals mit der Familie in den Ferien immer nach München. Ich war zwölf und saß in der Kabine zwischen Müller und Beckenbauer und träumte davon, einmal Bayern-Profi zu sein. Ohne meinen Bruder wäre ich dort wohl nicht gelandet, eher bei Schalke oder Dortmund bei uns in der Gegend. Als ich mit 17 kam, haben mich alle mit ihm verglichen: der kleine Bruder, auch blond, da musst du automatisch so gut werden. Was für eine Messlatte! Dabei war ich ein ganz anderer Spieler.

Ich habe das erste halbe Jahr bei ihm und seiner Frau gewohnt, aber schnell gemerkt: Du musst selbst schwimmen lernen. Mein Bruder war da schon Kapitän, bei Bayern und in der Nationalmannschaft, eine Persönlichkeit, eine absolute Autorität und ein Perfektionist. Nach dem Training hat er mit Udo Lattek noch Sonderschichten gemacht, für die Technik und den Torschuss, dabei hatte er ja am Ende 162 Bundesligatore. Als ich einmal beim Ballhochhalten den Ball nur mit der Hand fangen konnte, schnauzte er mich an: Wir sind hier nicht beim Handball, wenn du es nicht kannst, musst dir überlegen, ob du nicht woanders besser aufgehoben bist.

Wir kommen aus einem konservativen Haus

Mit ihm im Sturm damals, das war eine harte Schule, die beste, die man haben kann. Ehrgeizig war er schon immer. Und ordnungsliebend, das hatte er von unserer Mutter. Beim Packen legte er jedes Hemd penibel in den Koffer. Wir kommen ja eher aus einem konservativen Haus, da wurde viel Wert auf Benimmregeln gelegt, wie man eine Gabel hält, alles musste ordentlich zu Ende gebracht werden. Es ist kein Zufall, dass meine beiden Brüder und ich nicht nur Profifußballer, sondern auch tüchtige Geschäftsleute geworden sind.

Wir waren alle stolz auf ihn und seine Begabung. Am Vorabend des WM-Finales 1982 wettete mein Vater in der Kneipe, dass Graf Bernhard am nächsten Tag ein Deutschland-Trikot mit der Nummer 11 tragen würde. Am Ende fuhr ihn sogar die Lippstädter Feuerwehr zum Denkmal. Der Stadtgründer trug das Hemd noch ein ganzes Jahr. Dabei ging das WM-Finale verloren, wie auch 1986. Eine Tragik, dass so einem Weltstar die Krönung verwehrt blieb! Er wollte beweisen, dass er zu den Besten gehört, aber er war beide Male nicht fit. Wäre er es zu 100 Prozent gewesen, wäre Deutschland zumindest 1986 Weltmeister geworden, da bin ich mir sicher.
Unser letztes Spiel zusammen war auch sein letztes Spiel für Bayern. Im DFB-Pokal-Finale 1984 sagte er mir plötzlich beim Elfmeterschießen: „Michael, Michael, du – haust – den – jetzt – rein!“ Dabei war ich der Jüngste auf dem Platz und gar nicht als Schütze vorgesehen. Ich traf, wir gewannen. Noch zu Hause spürte ich den Adrenalinschub. Mein bis dahin größtes Erlebnis und vor allem: Ich hatte die Probe meines Bruders bestanden.

In Italien reifte er zum Weltmann



Er ist dann zu Inter Mailand gewechselt, etwas anderes als Italien kam für ihn gar nicht in Frage, dabei hätten Barcelona oder Real Madrid wohl noch eine Schippe drauf gelegt. Er mochte die Lebensart, das Essen. In Italien ist er zum Weltmann geworden, ein weiter Weg aus Lippstadt. Wenn ich heute mit ihm in Italien bin, dann kennt ihn da jedes Kind. In Deutschland kennen ihn viele Jüngere nur noch als den Funktionär. In Umfragen gewinnen ja oft die, die noch spielen oder bis vor Kurzem gespielt haben.

Aber es ist schon unfassbar, wenn man sich die Liste durchschaut, welche Fußballer die Bundesliga in 50 Jahren hervorgebracht hat: Netzer, Müller, Häßler ... Und einer davon, das ist mein Bruder.