Mesut Özil gegen den Rest der Welt

Das Missverständnis

Mit 18 Jahren galt Mesut Özil bei Schalke 04 als der potenzielle Nachfolger von Spielmacher Lincoln, doch bereits ein Jahr später scheuchten sie den Linksfuß vom Hof. Werder Bremen nahm den Ausnahmefußballer mit Kusshand. Ein Rückblick. Mesut Özil gegen den Rest der WeltImago Auf dem Neujahrsempfang eines Fanklubs verkündete Andreas Müller Anfang dieses Jahres großspurig: »Mesut Özil wird kein Spiel mehr für Schalke 04 machen.« Man musste sich schon sehr über die drastischen Worte des Managers wundern, schließlich war die Rede von einem der größten Talente, die der Verein in den letzten Jahrzehnten hervorbrachte. Andreas Müller hielt trotzdem Wort, obwohl Ösil zu diesem Zeitpunkt noch einen Vertrag bis zum Ende der kommenden Spielzeit besaß.

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Bei Schalke 04 stand das Eigengewächs immer hoch im Kurs. Bereits in seiner ersten Saison bei den Profis konnte sich ein damals 18-jähriger Mesut Özil gegen die starke Konkurrenz im Mittelfeld behaupten. »Meine Meinung über Özil wird sich allein anhand seiner Einsatzzeiten ablesen lassen«, versprach sein damaliger Trainer Mirko Slomka. Auch er hielt Wort: In der Hinrunde der vergangenen Saison spielte der Linksfuß bei den Schalkern eine durchaus wichtige Rolle. Özil war in allen Partien mindestens eine Alternative, oft spielte er sogar von Beginn an - ob Bundesliga oder Champions League.

Das Exempel mutierte zur Farce

Im Herbst letzten Jahres einigten sich Schalke 04 und Mesut Özil schließlich auf eine vorzeitige Verlängerung der Vertragslaufzeit. Der Verein wusste, dass der junge U21-Nationalspieler bereits mehr war als nur ein ungeschliffener Diamant, er gewann von Spiel zu Spiel an Karat. Seiner Leuchtkraft wurde sich auch Özil wenige Wochen nach dem Handschlag mit Manager Müller bewusst - und nahm auf Anraten seines Beraters und seines Vaters wieder Abstand von der mündlichen Vereinbarung. Hätte er sich womöglich unter Wert verkauft? Müller zeigte sich gekränkt. Über die Medien forderte er von seinem Spieler ein klares Bekenntnis zu Schalke 04, doch Özil schwieg. Mirko Slomka bezeichnete ihn in dieser Zeit als Marionette, »ferngesteuert von seinem Berater und seinem Vater«.

Plötzlich kursierten Details aus dem Vertragsentwurf zwischen Schalke 04 und Mesut Özil in der Öffentlichkeit. Es begann eine Hetzjagd - Özil sah sich in dicken Lettern als »Gierig-Profi« diffamiert, reduziert auf den jungen geldgierigen Profi der Neuzeit. Schalke feierte sich hingegen als der erste Klub in Deutschland, der sich von seinen Profis nicht länger auf der Nase herumtanzen lässt. Das Exempel mutierte zur Farce, das Tischtuch zwischen Schalke 04 und Mesut Özil war zerschnitten. Im DSF-Doppelpass sagte Slomka über den Gebranntmarkten: »Mesut ist ein riesiges Talent und ein toller Junge, wie ich finde, aber es tut mir sehr leid, dass ich ihn momentan nicht einsetzen kann und nicht einsetzen will.« Schließlich wollte es Andreas Müller so. Fände er einen Verein, der die entsprechende Ablöse zahlen würde, könne er gehen, so der tatkräftige Manager. Für Mesut Ösil war es »die schwierigste Zeit in meiner Karriere. Schalke war mein Verein. Plötzlich haben sich unsere Wege getrennt.«

Heute merkt man Mesüt Özil den damaligen Imageschaden kaum noch an. Er ist bei Werder Bremen gelandet, hätte auch nach Stuttgart oder Hannover gehen können, und was sein jetziger Trainer Thomas Schaaf von dem Jungspund hält, lässt sich wiederum anhand seiner Einsatzzeiten ablesen. Er hat zu alter Leuchtkraft gefunden, der Mesut Özil, der so elegant an seinen Gegenspielern vorbeizieht, wie es nicht viele Spieler in der Bundesliga können. Zur neuen Saison profitierte er von dem Wechsel von Tim Borowski zum FC Bayern. Langfristig gesehen wird sich Özil wohl auf diese Position im linken Mittelfeld einrichten müssen. Im Heimspiel gegen seinen alten Verein aus Gelsenkirchen durfte er aber noch einmal die bevorzugte Spielmacherposition bekleiden, bevor der angestammte Regisseur Diego von Olympia zurückkehrte. Manager Müller wird in dieser Partie des öfteren vor Wut die Faust geballt haben, heimlich, in der Tasche. Özil verzauberte das Bremer Publikum mit jedem seiner Antritte. Der Leichtfüßigkeit, mit der er die Schalker Spieler stehen ließ, folgten Pässe, die die gegnerische Abwehr auseinander nahmen. Es liegt nun an ihm, diese Leistung immer wieder zu bestätigen - und den Begriff »Gierig-Profi« allein auf sportlichen Erfolg umzumünzen.

Die Bremer fordern von dem Jungen mit den goldenen Füßen keine Bekenntnisse. Klaus Allofs kennt diesen Spielertypen genau. Für ihn ist Özil schlicht ein begnadeter Fußballspieler vor einer viel versprechenden Zukunft - hoffentlich noch lange im Bremer Trikot.