Messi vs. Ronaldo, Duell für die Ewigkeit

Wer erinnert sich noch an Kaka?

Seit 2008 ist kein anderer Weltfußballer geworden als Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Ja, sie haben den Ballon d’Or zur Trophäe ihres ganz eigenen Wettstreits gemacht, zu einer Art privatem Zankapfel. Für das Jahr 2013 stand Franck Ribéry mal als irgendwie ungebetener Gast zur Wahl, wie ein schlecht informierter Dieb eine wertlose Vase nahm er den bronzenen Ball für den dritten Platz mit nach München. Der Letzte vor Messi und Ronaldo, der den goldenen gewinnen konnte, war ein gewisser Kaka vor nunmehr acht Jahren. Ein Fußballer aus einer anderen Ära, als die Menschen noch nicht so schnell laufen konnten, der Fußball noch behäbig war und die Begeisterungsschwelle bedeutend niedriger lag. Vor dem Quantensprung.

Etwas beinah ordinär Inflationäres

Ronaldo gegen Messi, das breitbeinige Raubtier gegen den schüchternen Killer, der Exhibitionist gegen den Jungen, dem all der Jubel mitunter peinlich zu sein scheint, der eine von Nike ausgerüstet, der andere von Adidas (im genauen Gegensatz zu ihren Vereinen): Zusammen verdienen sie 144 Millionen US-Dollar pro Jahr, zusammen haben sie 183 Millionen Facebook-Fans. So wie ihre sportliche Leistung haben auch die Bezahlung und die Bewunderung, die ihnen zuteil werden, etwas beinah ordinär Inflationäres an sich. Verziehen sie eine ganze Generation von Fußballfans zu einer Erwartungshaltung, die niemand nach ihnen wird einlösen können?




Das Fernduell zwischen ihnen wird zwei, drei Mal pro Spielzeit zu einem direkten, dieses Spiel hieß einmal »Clasico«, gemeint war das geschichtsträchtige Spitzenspiel der Primera Divison zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid. Inzwischen ist selbst diese Partie, eine der monumentalsten, die der Weltfußball zu bieten hat, zum privaten Kräftemessen der beiden Superstars stilisiert worden, verfolgt von 400 Millionen Fernsehzuschauern weltweit, die dem nächsten WTF-Treffer entgegenfiebern, den sie ihrer Youtube-Kompilation einverleiben können. Es versteht sich von selbst, dass noch kein »Clasico« mit Beteiligung von Messi und Ronaldo torlos endete.

Nur Larry Bird und »Magic« Johnson, den Basketball-Champions der achtziger Jahre, dürfte es in ihrem epischen Kampf um den NBA-Ring gelungen sein, aus einer Mannschaftsportart derart weit und sichtbar als rivalisierende Individualisten herauszutreten wie Messi und Ronaldo. Und nicht selten, wie zuletzt Messi beim 3:0 des FC Barcelona gegen den FC Bayern, erweist sich, dass sie tatsächlich, aller taktischen Alchemie des gegnerischen Trainers zum Trotz, ganz allein den Unterschied machen können.

Ein neuer Messi würde nicht genügen – er bräuchte auch einen neuen Ronaldo

Noch zwei, vielleicht drei Jahre wird ihr Widerstreit andauern, womöglich mit einem der letzten Höhepunkte beim erneuten Aufeinandertreffen im Champions-League-Finale am 6. Juni, der Revanche für 2009. Auch wenn im Berliner Olympiastadion das Flutlicht leuchtet, werden wieder Rekorde fallen. Zeit, sie noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Zeit aber auch, den Gedanken zuzulassen, dass der Fußball eines Tages wieder zur Normalität zurückfinden muss und wird, zu Maßstäben aus der Zeit vor Messi und Ronaldo. Dass auch die verbissene Jagd nach dem nächsten Superstar des Weltfußballs, die sie durch ihre alle Dimensionen sprengenden Leistungen selbst entfacht haben, diese beiden nicht wird reproduzieren können. Ein neuer Messi allein würde ohnehin nicht genügen. Er bräuchte den neuen Ronaldo, um über sich hinauszuwachsen.

Solange diese unwahrscheinliche Konstellation nicht wieder eintritt, werden Bestmarken nicht mehr jede Woche gebrochen, Hattricks werden wieder etwas Außergewöhnliches, Höchstseltenes sein, ein kostbares Gut – und nichts, was man für sein Eintrittsgeld wie selbstverständlich erwarten kann. Der Ballon d’Or wird wieder Fußballern zugesprochen werden, die ihn als Ehre empfinden und nicht als genugtuenden Triumph über den Zweitbesten. Und man wird seinen ungläubigen Enkeln raunend von diesen beiden erzählen, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die man selbst hat spielen sehen. 

Vor langer, langer Zeit. Damals, 2015.