Meine Lieblingself (2)

»Ihr redet, ich spiele«

Offensives Mittelfeld: Socrates
Der Mann, der Elfmeter aus dem Stand schoss, mit der Hacke passte, einen Vollbart trug und ein Stirnband. Der Mann, der hieß wie ein Philosoph und die Faust im richtigen Moment hob. Der Mann, von dem es hieß, er bewege sich wie eine Heuschrecke. Ich bin mir sicher: Ein Doppelpass zwischen Socrates und Okonski hätte einige Menschen die Erleuchtung gebracht. Schade, dass wir es nicht mehr erleben können.
 
Sturm: Éric Cantona
Ich gehe recht selten ins Kino. 1988 habe ich »Big« gesehen, 1989 »Zurück in die Zukunft II«, danach kam nicht mehr viel. Bis zu jenem Tag im Oktober 2009, als ich eine Karte für ein Preview von Ken Loachs Film »Looking for Eric« ergatterte. Einer der zwei Hauptdarsteller in diesem Film ist Eric Cantona. Ja, der mit dem Kung-Fu-Tritt, der mit dem hochgestellten Kragen, mit dem Fischkutter-Satz, mit den Traumtoren, mit einem Fußball, der aussah wie ein Drama von Jean-Paul Sartre. Als ich also im Kino saß, ging plötzlich das Licht an und eine Tür öffnete sich. Die Leute blickten sich um, die Leute öffneten ihre Münder, die Leute raunten, denn hinein kam Eric Cantona. Er schwebte zwei Meter an mir vorbei, sein Bart war dick und fest, und er roch gut. Er trat auf die Bühne und sagte: »Bonsoir!« Ich wusste: So schön war es im Kino nicht mehr, seit Marty McFly sich zum ersten Mal auf ein Hoverboard stellte.


 
Sturm: Rivaldo
Am 11. Juni 2001 erfand der Brasilianer Rivaldo den Fußball neu. Er ließ den Ball von seiner Brust abspringen und legte sich waagerecht in die Luft. Ich lag auf waagerecht, und zwar auf dem Teppich unseres WG-Zimmers und schnappte nach Luft. Denn Rivaldo schoss den Ball in diesem Moment ins Tor. Per Fallrückzieher. Von der Strafraumgrenze. Zum 3:2. In der letzten Minute des letzten Saisonspiels 2000/01. In einem Spiel gegen den FC Valencia, das der FC Barcelona unbedingt gewinnen musste, um sich noch für die Champions League zu qualifizieren. Ich habe nie wieder ein Tor von solch epochaler Wucht gesehen.
 
Sturm: Zlatan Ibrahimovic
Wenn mich Leute fragen, warum ich Fußball liebe und nicht, sagen wir, Snooker-Fan geworden bin, zeige ich ihnen ein paar Tore von Zlatan Ibrahimovic und verlese ein paar Sätze aus seiner Bonmot-Schatzkammer. Zum Beispiel: »Wer mich stoppen will, muss mich umbringen«. Oder: »Es gibt nur den Zlatan-Stil«. Oder: »Ihr redet, ich spiele.« Mein Kollege Dirk G. traf ihn vor ein paar Jahren übrigens mal an einem Pissoir in Paris. Während Zlatan neben G. Wasser ließ, sagte er: »Du musst Finne sein, denn nur Finnen tragen Bärte wie du, mein Freund!« Ich habe seitdem die Hoffnung, dass auch ich Zlatan eines Tages irgendwo zufällig treffe. An der Edeka-Käsetheke zum Beispiel. Dort wird er dann sagen: »Was du mit dem Ball kannst, kann ich mit einem Leerdammer.«