Meine Lieblingself (2)

»If you don’t like me – fight me!«

In unserer neuen Reihe »Meine Lieblingself« stellen 11FREUNDE-Mitarbeiter ihre ganz persönliche Fantasiemannschaft zusammen. Heute: Andreas Bock mit einem ultra-offensiven 3-1-3-3 voller Alpha-Prolls, bei der eigentlich nur eine Frage bleibt: Wann gibt es die erste mannschaftsinterne Prügelei?

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Torwart: Lew Jaschin
Eigentlich ist es ein Armutszeugnis, einen Torhüter aufzustellen, den ich nie spielen sah. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen. Aus Erinnerungen, die klingen, als sei Jaschin ein Astronaut gewesen. »Er hechtete nie, er schwebte«, sagen die, die bei der EM 1960 dabei waren. Sie nannten ihn ehrfurchtsvoll »Schwarze Spinne« oder »Schwarzer Panter«, denn sein Trikot, seine Hose, seine Stutzen und seine Schuhe – alles war schwarz. Es war sein schwarzer Raumanzug. Der geheimnisvolle Lew Jaschin aus dem geheimnisvollen Bogorodskoje in der geheimnisvollen UdSSR. Am Abend vor den Spielen soll er stets Angeln gegangen sein. Guter Mann. 
 
Libero: Matthias Herget
Warum es Herget nie zu einem ganz großen Verein geschafft hat, blieb mir immer ein Rätsel. Der Spieler kam zwar nicht aus Bogorodskoje, sondern aus Annaberg-Buchholz, dennoch umwehte auch ihn etwas Geheimnisvolles. Er lief stockartig, zugleich aber geschmeidig und souverän. Ein Schlangenmann, gefangen in harten Baumrinden. Zudem hatte er ein Auge, mit dem er vermutlich auch durch Wände gucken konnte. Wäre ich nicht Ersatzspieler geworden, ich wäre sehr gerne Matthias Herget geworden. 
 
Rechter Außenverteidiger: Manni Kaltz
Er schlug Bananen in den Strafraum wie kein Zweiter, er spielte 19 Jahre lang für ein und denselben Verein, er machte sagenhafte 581 Bundesligaspiele. Er war einer, den sie stets den großen Schweiger nannten. Ein Beispiel aus einem »Bild«-Interview, Januar 1978:
 
Bild: »Willi Schulz hat Ihnen bescheinigt, dass Sie kein Libero wären, wie ihn die Nationalelf braucht.«

Kaltz: »Hat er das?«
 
Bild: »Man kann nicht bestreiten, dass er ein Fachmann ist.«
 
Kaltz: »Ist er das?«
 
Manni, der statt Geschichten zu erzählen, lieber Flanken auf den Kopf von Horst Hrubesch schraubte. Manni, der Außenverteidiger.
 
Linker Außenverteidiger: Roberto Carlos
Was für eine Abwehrzange! Rechts Kaltz, links Carlos. Manchmal stelle ich mir die beiden beim Training vor, wie sie sich im Abstand über eine Entfernung von zwei Kilometern die Bälle zuflanken, während zufällig anwesende Physiker ihren Beruf aufgeben und Postbote oder Briefmarkensammler werden.
 
Defensives Mittelfeld: Stig Tøfting
Wenn ich mir in meiner Freizeit nicht die Kaltz/Carlos-Situation vorstelle, schaue ich liebend gerne Musikvideos von angesagten Gangster-Rappern an. Und während die harten Jungs ihre volltätowierten Bi- und Trizeps in die Kameras halten und von Drive-By-Shootings in Offenbach-Süd oder Berlin-Marzahn fabulieren, hoffe ich insgeheim stets, dass gleich Stig Tøfting um die Ecke biegt. Der Mann, der aussieht wie eine Figur aus einem Marvel-Comic. Der Mann, der Arme hat so dick wie Brückenpfeiler, einen Nacken ledrig wie das Gesicht einer 100 Jahre alten Squaw, eine Stirn wie eine Wand aus Stahl. Es gibt ein Foto von Stig Tøfting, da wartet er auf den Beginn eines Boxkampfes und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: »If you don’t like me – fight me!« Für die folgende Alpha-Offensive ein durchaus adäquate Absicherung.
 
Rechtes Mittelfeld: Miroslaw Okonski
Wattig-wallendes Brusthaar, glitzernde Goldkette, stone-washed Jeans. Raucher, Trinker, BMW-Fahrer. Miroslaw Okonski war alles, was ich nicht war, als ich ihn zum ersten Mal spielen sah. Das war im November 1986, und der Pole schoss gegen Borussia Dortmund ein Tor und legte zwei weitere auf. Nach dem Spiel expertete Paul Breitner: »Dieser Spieler ist das Beste, was die Bundesliga zu bieten hat.« Und der polnische Schachmeister Jacek Badnarski trompetete in die Kameras: »Wir haben der Welt Karol Wojtyla, Chopin, Madame Curie und Joseph Conrad geschenkt – und nun auch Okonski.« Wenig später beschloss ich, mir auch Brusthaar wachsen zu lassen und einen Fanklub zu gründen. Beides existiert bis heute. Blöd nur, dass die Mitgliederzahl des Fanklubs »Okonski Youth« nie höher als 1 war.
 
Linkes/Zentrales Mittelfeld: Matt Le Tissier
Du sollst keine anderen Götter neben Diego haben? Mir egal. Matt Le Tissier gehört einfach in jedes Mittelfeld. Dabei war er stets ein bisschen unterschätzt, er war ein Fußballer wie die B-Seite einer Single. Für Southampton machte er weit über 500 Spiele, für England lief er gerade acht Mal auf. Sah man ihm zu, dachte man: Das kann ja jeder. Sah man ein zweites Mal hin, wurde man ein bisschen unruhig, denn der rannte nicht über den Platz, er flanierte. Mit einer beinahe surrealen Ruhe ging er durch die gegnerischen Abwehrreihen und lupfte die Bälle unter die Latte. Irgendwann wussten die Fans: Wer Fußball spielt, wie andere ihren Wellness-Urlaub verbringen, muss übermenschliche Kräfte haben, und so nannten sie ihn irgendwann »Le God«. Zu Recht.

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