Mein peinlichster Fußballmoment (3)

Hand in der Hose

In unserer Serie erinnern sich Redakteure an ihren fußballerischen Tiefpunkt. Heute: Eine DVD aus Jugendtagen und die Erkenntnis, dass Talent eine Sache des Blickwinkels ist.  

Symbolbild

Die Fallhöhe auf dem Fußballfeld ist bekanntlich höher als vom Kopf bis zur Grasnarbe. Mitunter ist man in einer Sekunde der Held des Dorfes, Sekunden später der Depp auf Lebenszeit. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin schon sehr oft der Depp gewesen. Zum Beispiel, als ich in einem Spiel mit Gelb-Rot vom Platz geflogen bin. Erst hatte ich per Handspiel einen sicheren Treffer des Gegners verhindert. Held! Aus dem daraus resultierenden Freistoß fiel Sekunden später das 1:0 für den Gegner. Depp! Nach dem Treffer wollte ich in all meiner Wut den Ball aus fünf Metern Entfernung erneut ins Tor dreschen, verfehlte das Gehäuse jedoch um mehrere Meter – und sah Gelb-Rot wegen Zeitspiel. In der 21. Minute. Superdepp!

Fußball funktioniert nun mal so

Mit dieser Aktion wurde ich jahrelang von meinen Mitspielern aufgezogen, wenn sich die Möglichkeit ergab. Es war der vorläufige Tiefpunkt meiner Karriere, weil ich mich zu etwas hinreißen ließ, was ich auf dem Rasen so oft belächelt hatte: Dummheit! Mein peinlichster Moment.

In diesem Glauben blieb ich bis zum letzten Weihnachtsfest, denn da überreichte mir mein Vater eine DVD. »Die Videoaufnahme deines ersten Fußballspiels«, sagte er. Damals war ich vier. Sein breites Grinsen interpretierte ich als Stolz. Ich sollte mich irren.

Zum besseren Verständnis: Ich war eigentlich immer ein passabler Fußballer. Zumindest haben mir das alle Trainer und Mitspieler zu verstehen gegeben. In allen Vereinen war ich Stammspieler, am Ende reichte es gar für Einsätze bis in die Oberliga. Ich lief also stets mit dem Glauben auf das Feld, dass ich meistens weiß, was ich da tue. Und mit diesem Selbstbewusstsein gelangen mir Tore, Pässe und auch Tacklings, die ich nicht für möglich gehalten habe. Diese Dinge wurden natürlich mit zunehmendem Alter weniger. Heute bin ich stolz, wenn ich verletzungsfrei meine Trainingssachen packen kann. 

Bilder im Kopf

Also legte ich am 1. Weihnachtstag die DVD ein und wollte sehen, welch Talent schon in jüngsten Jahren in mir schlummerte.

Die grobkörnigen Bilder flimmerten also los und ich sah einen Knäuel aus Kinder über das Feld jagen. Ab und zu sprang ein Ball aus diesem Schwarm, alle stürzten sich darauf, aus dem Off schrien Eltern motivierend herum. Es war ein Inferno. 

Ich blickte etwas genauer hin, in der Hoffnung, mich selbst durch eine geniale Finte, einen tödlichen Pass oder einen knallharten Torschuss zu identifizieren. Es war nicht leicht. Denn Aktionen dieser Art gab es nicht. Nach wenigen Minuten fiel mir ein einsamer Spieler im Vordergrund des Bildes auf. Er war die ganze Zeit schon da, kaum größer als ein mittelgroßer Schuhkarton. Doch während alle anderen Kinder gegen den Ball traten, sprinteten und grätschten, stand dieser Junge einfach nur da. Den Kopf gen Himmel gereckt, beide Hände in der Hose vergraben. Kam der Ball in seine Nähe, hüpfte er aufgeregt hoch und ließ das Spielgerät passieren. Stürmte ein Gegner auf ihn zu, hüpfte er aufgeregt zur Seite und ließ den Gegner passieren. Passierte etwas am Himmel, war er in einer anderen Welt.