Mein peinlichster Fußballmoment (2)

Riesengaudi

Unser Autor denkt, er kenne sich gut im Fußball aus. Blöd nur, dass er ehemalige Nationalspieler nicht mal erkennt, wenn sie vor ihm stehen.

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Dies ist eine Geschichte von vergebenen Chancen. Traumpass auf Bock, Bock alleine vor dem Tor. Bock schießt den Ball auf den Balkon der angrenzenden Hochhaussiedlung. So was in der Art.
 
Meine erste Chance vergab ich im Sommer 1985. Ich spielte damals in der F-Jugend des Hamburger Stadtteilvereins Eimsbütteler TV. Ich war Torwart und ein solider Rückhalt meiner Mannschaft. Wir spielten eine großartige Saison, schlugen nacheinander Mannschaften aus Barsbüttel und Hoisbüttel, und gegen Hinschenfelde gewannen wir sogar zweistellig.
 
Eines Tages eröffnete mir der Trainer, dass beim nächsten Spiel gegen Uhlenhorst ein Auswahltrainer vorbeischauen würde. Er suchte für einen Fußballaustausch mit einer »Soccer-School« aus Miami noch einen Torhüter. Ich war aus dem Häuschen, Soccer-School, Auswahltrainer, Miami – das klang noch aufregender als Barsbüttel und Hinschenfelde. Ich zog mein grünes Uhlsport-Trikot tagelang nicht mehr aus.
 
In jenen Jahren verbrachte ich jede freie Minute auf dem Fußballplatz, und wenn es dunkel wurde, saß ich im Wohnzimmer und schaute Fußballspiele im Fernsehen. Meine Helden hießen Toni Schumacher, Uli Stein und Jean-Marie Pfaff. Mich faszinierten Torhüter, die den Ball nicht nur hielten, sondern artistisch über das Tor lenkten. Torhüter, die in der TV-Zeitlupe aussahen, als wären sie schwerelos. So wollte ich es beim Spiel gegen Uhlenhorst auch machen.

Der Auswahltrainer kam nie wieder
 
Es ging natürlich alles schief. Ich verursachte zwei Elfmeter, und als ich bei einer Ecke versuchte, den Ball über die Latte zu lenken, landete er im Netz. Ich kassierte fünf Tore, und die Sache wurde auch dadurch nicht besser, dass unserem besten Stürmer sieben Treffer gelangen. Der Auswahltrainer kam nie wieder. In Miami bin ich nie gewesen.

Vielleicht schulte ich deswegen auf Feldspieler um, Mittelfeld, Stürmer, Rechts- oder Linksaußen. Vielleicht stellte mein Trainer mich auch auf diese Positionen, weil er glaubte, ich könnte dort weniger Schaden anrichten. So genau weiß ich das nicht mehr.
 
Was ich noch weiß: Stein, Pfaff und Schumacher hatten ausgedient, meine Idole hießen nun Miroslav Okonski und Maurizio Gaudino. Von Okonski, dem HSV-Spielmacher, hatte ich eine Autogrammkarte. Gaudino hing als Poster an meiner Wand, dabei war ich nicht mal VfB-Fan. Alleine sein Name machte ordentlich was her. Zumindest mehr als Michael, Jens oder Andreas. Außerdem trug er keine Dieter-Bohlen-Föhnfrisur wie viele andere Spieler. Er sah auch nicht aus wie ein Bankauszubildener, der auf dem Weg zur Sparkassenfiliale versehentlich am Stadion abgebogen war.


Aus der Stadt hinaus in den Sonnenuntergang. (Bild: Imago)
 
Maurizio Gaudino stand für Abenteuer und Aufbruch. Er trug wildes und lockiges Haar, dazu Goldkette, Ohrringe und Dreitagebart. Er hätte in »Der Pate« mitspielen können, ein Andy Garcia in Stollenschuhen. Er spielte aber Fußball. Vermutlich weil er wusste, was Leiden bedeutet. Und wenn er mal verlor, sprang er einfach in sein rotes Ferrari-Cabriolet (natürlich ohne die Tür zu öffnen) und fuhr aus der Stadt hinaus in den Sonnenuntergang. Ich hatte viele Fragen an ihn. Ich hätte etwa gerne gewusst, ob die Brusthaare, die schüchtern, aber auch selbstbewusst aus dem V-Ausschnitt seines Baumwolltrikots hervorlinsten, eine besondere Pflege benötigten.
 
Etwa 30 Jahre später, Dezember 2015. Ich reise mit der Bahn durch Deutschland und besuche Fußball-Fernsehshows. Der Redaktionsauftrag: Ich soll in vier Tagen bei fünf Sendungen im Publikum sitzen, TV-Studio-Hopping quasi. Ich bin beim »Sport1-Doppelpass« in München, »ZDF Sportstudio« in Mainz, »SWR Flutlicht« in Mainz, »HR Heimspiel« in Frankfurt und beim »Bitburger Fantalk« in Essen.
 
Für die meisten Shows habe ich mir vorher eine reguläre Eintrittskarte gekauft. Der »Fantalk« in der Essener Kneipe »11Freunde« (die nichts mit diesem Magazin zu tun hat) ist allerdings ausverkauft, weshalb ich mich akkreditieren lasse.