Mein Moment des Jahres: Southgates Jubel

Beim Schicksal noch einen gut

Kaum zu glauben: England gewinnt im Elfmeterschießen! Es ist das Werk eines Mannes in Weste, der damit ein 22 Jahre altes persönliches Trauma besiegt.

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Was haben wir gelacht! Auch in der Redaktion klopften sich alle brüllend auf die Schenkel, als im Frühjahr folgende Meldungen von der Insel herüberschwappten: England trainiert jetzt schon eifrig Elfmeterschießen. England! Elfmeterschießen! Die notorischen Versager! Sie probten sogar die Wettkampfbedingungen – und simulierten den Weg von der Mittellinie zum Punkt unter Stadionatmosphäre. Nicht nur das: Die Trainer fertigen Psychotests ihrer Spieler an; sie eruierten, wer vor dem entscheidenden Schuss Zuspruch oder Schulterklopfer brauche und wer nicht. Die Lacher ebbten nicht ab. Es waren Meldungen aus der Kategorie »Ralph Siegel will wieder zum ESC«, »Matthäus will wieder heiraten« oder »SPD will sich erneuern«.

Doch erst später, zu Beginn der WM in Russland, wurde deutlich, dass dieses England nicht mehr zum Stichwortgeber für sarkastische Kommentare taugen wollte. This time it’s serious. Dieses England war keine saturierte Truppe mehr wie bei vorangegangenen Turnieren, bei der sich die ausgelaugten Stars um Steven Gerrard, Frank Lampard oder Rio Ferdinand aufgrund von Vereinsanimositäten an verschiedenen Essenstischen platzierten.

Diese englische Mannschaft 2018 wirkte geschlossen, unverbraucht und frisch. Torwart Jordan Pickford von Everton, Verteidiger Harry Maguire von Leicester oder selbst Harry Kane von Tottenham hatten, um es so auszudrücken, nicht unbedingt Muskelkater vom Trophäenstemmen – sie waren hungrig auf genau dieses Turnier.

Er sprach zu den Spielern mit dem Arm in der Schlinge

Das galt insbesondere für den Mann an der Linie, der diesen Spielern das neue Selbstverständnis eintrichterte: Trainer Gareth Southgate. Seine Weste sollte Kultstatus erlangen, seine vornehme Ausdrucksweise in Interviews hätte jedem Besuch bei der Queen zur Ehre gereicht. Doch ein Bild außerhalb der Stadien sagte viel mehr über seine Entschlossenheit aus: Southgate ging im Trainingscamp der Engländer jeden Tag joggen, selbst am freien Tag.

Dabei stürzte er und kugelte sich die Schulter aus. Mit dem Arm in der Schlinge hielt Southgate am folgenden Tag ungeirrt die Mannschaftsbesprechung ab und sagte den belustigten Spielern: »Besser ich bin verletzt als einer von euch.«

Southgate war die Sache ernst – vor allem jene mit den Elfmetern. Bei der Heim-EM der Engländer 1996 hatte er im Halbfinale gegen Deutschland den entscheidenden Elfmeter verschossen. Im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« schilderte er seinerzeit, dass der Fehlschuss für ihn persönlich kein bloßer Gag in der langen England-Komödie geblieben war. Der Fehlschuss habe sein Leben verändert, er wurde sein Drama. »Viele Leute, die mich trösten wollten, haben gesagt: Wirst sehen, das geht vorbei. Aber es geht nicht vorbei. Mit welcher Leistung soll ich das ausgleichen?« fragte Southgate. Die Antwort kam spät, aber sie kam.

Am 3. Juli 2018 ging das Achtelfinale England gegen Kolumbien ins Elfmeterschießen. Und Gareth Southgate sollte endlich - nach 22 Jahren - ausgleichen.