Mein Moment des Jahres (9): Durch die Nacht mit irischen Fans

Der Dude aus Dublin

Irland ist ausgeschieden, die Fans in Green feiern trotzdem weiter. So wie Sean. Ein Mann, für den die Party in Frankreich vielleicht erst in elf Jahren endet.

Christoph Küppers

Ich war müde, als ich das Stadion in Lyon verließ. Nach zehn Spielen in fünf verschiedenen Städten fielen mir die Augen schon am frühen Nachmittag zu. Nach der Partie zwischen Frankreich und Irland wollte ich eigentlich nur noch nach Hause.

Dann aber stand ein Typ vor mir, der aussah, als hätte er gerade überstürzt das Casting zu »Big Lebowski 2« verlassen. Er wirkte herzlich, leicht verrückt, eben irisch.

Er hatte lange Haare, rote Wangen, kurze Hosen und ein rundum zufriedenes Grinsen, das sich einmal um den kugelrunden Kopf zu drehen schien. Auch er schien in den letzten zwei Wochen gearbeitet zu haben, aber eher daran, die Ausschankwirtschaft Frankreichs gehörig anzukurbeln.



Der Mann stellte sich vor. Sean. Seit zwei Wochen unterwegs mit Irland: Paris, Lille, Bordeaux, Lyon. Sean fragte, wo man hier verdammt noch mal wegkomme, zurück in die Stadt. Ich hatte keine Ahnung, Sean hatte keine Ahnung, aber damit waren wir nicht allein, denn auch sämtliche Stewards und Verkäufer hatten nicht die leiseste Ahnung.

Nach der WM 1990 kehrte Sean erst elf Jahre später heim

Sean reagierte und holte zunächst einmal Bier. Als wir an einer Gruppe junger Iren vorbeikamen, riefen sie ihm zu: »Meat Loaf, give us a wave.« Doch Sean wollte nicht, er sagte ihnen nur, dass er schon vor 20 Jahren Wellen geschlagen habe. Wenig später erfuhr ich, was er damit meinte.

Ich fragte Sean, ob er nun nach Irlands Ausscheiden auch morgen nach Hause fliege. »Nein, Mann, weißt du, wie teuer die Flüge jetzt sind?! Auf keinen Fall.« - Also hast du keinen Flug gebucht?, fragte ich. »Nein, nein«, sagte Sean, er werde erst einmal ein paar Tage in ein französisches Bauerndorf fahren, um von all dem EM-Stress und der Feierei runterzukommen.

Er blickte zu mir und sagte: »Ich war bei der WM 1990. Weißt du, wann ich da nach Hause gekommen bin?« Ich blickte fragend. Sean sagte nach einer Pause. »Elf Jahre später, im Jahr 2001.«

Wer von uns hätte das vorher ahnen sollen?

Nun eignen sich Auswärtsfahrten und EM-Turniere für die Verbreitung von allerhand Räuberpistolen und Märchen. Mit jeder Stunde in einer fremden Stadt werden die erzählten Geschichten abstruser. Doch was Sean erzählte und vor allem wie Sean wirkte, das war derart verrückt, dass seine Stories einfach stimmen mussten. Er berichtete also Folgendes – und ich versuche es so wiederzugeben, wie er sprach:

»Weißt du, damals waren die Zeiten noch andere. Wir trampten einfach durch Europa und schliefen irgendwo draußen. Dann kamen wir nach Rom. Und die Polizei war damals noch anders drauf. Sie kesselten uns direkt vom Bahnhof weg ein. Dann fragten sie uns, wo denn unser Hotel wäre. Wir sagten nur: ›Seid ihr irre? Irland spielt hier im Viertelfinale der WM. Wer von uns hätte das vorher ahnen und ein Hotel buchen sollen?‹

Aber es gab damals diese grandiose Idee der Italiener, und zwar: richtige Zeltstädte rund um die Stadt. Den Namen der Ecke, in der ich landete, weiß ich noch heute: Camping flaminio. Wenn du jemals in Rom bist, dann penn einfach da. Es war unglaublich, überall gab es Essen, coole Leute und Partys. Also blieb ich erst mal da.

Nach einer Woche sagte mir einer der Barkeeper: ›Ey, Sean, wir brauchen hier noch Aushilfen, wie sieht’s aus?‹ Ich überlegte kurz. Ich war zu der Zeit Elektriker in Dublin, kein Job, der mir großartig Heimweh bereitete. Eine Familie hatte ich damals nicht.


Also fing ich an, einfach dort in Rom zu arbeiten. Nach einer Zeit wechselte ich in ein Tourismuscenter, dann zog es mich nach Deutschland. Worms. Jaja, Worms. Kennst du das? Richtig gute Weinfeste. Ich liebte es. Naja, ich machte einige Sachen, eröffnete Pubs, reparierte ein paar Waschmaschinen. Und 2001, da dachte ich, ich geh mal zurück nach Irland. Eines sag ich dir: Der Fußball hat mein Leben verändert.«