Mein Moment des Jahres (7)

Zazas Veitstanz

Als Zaza seinen Veitstanz aufführt und den Ball übers Tor löffelt, beginnen die Kinder im Raum – wer weiß, warum gerade jetzt? – lautstark den deutschen Torhüter anzufeuern: »Neuer! Neuer!«. Als der Münchner Keeper kurz darauf Bonuccis Elfer pariert, schließen sich die Erwachsenen an: »NEUER! NEUER!«. Es klingt irgendwie gut und erinnert mich daran, wie wir früher in der Schule den Kanon von »Bruder Jakob« sangen. Die Damen in der ersten Reihe schauen nicht mehr hin. Eine beginnt nach dem verschossenen Elfmeter von Bastian Schweinsteiger vernehmlich zu schluchzen. Dann kommt irgendwann Jonas Hector. Der Literaturprofessor gesteht seiner Frau, dass er weder wisse, wer dieser Hector sei, noch ob er imstande sei, diese Aufgabe zu meistern. Sie muss nicht lange auf die Antwort warten: Hector ist es!

 

Väter, denen jetzt auch das weiße Hemd aus der Anzughose schlunzt, tanzen mit Söhnen, die immer noch die Seidensakkos anhaben. Die vollschlanke Blondine drückt dem Werber-Glatzkopf einen Schmatzer auf den Mund, woraufhin der gleich mit Zunge knutschen will, was sie nur mit Müh und Not abwehren kann. Ihre Reaktion sieht allerdings eher nach »aufgeschoben« keineswegs nach »aufgehoben« aus. Tabletts mit Gläsern randvoll mit Obstbrand werden hereingetragen. Männer klatschen ab. High Five! Kartoffel! Pommes!

Die Söhne der Gastgeber stehen verschüchtert in der Tür, beide halten ein Mikrofon in der Hand. Während um sie herum sich fremde Menschen in die Arme fallen, schiebt die flennende Mutter ihre beiden Jungs in den Raum und aus dem Hintergrund schallt das Playback zum Revolverheld-Hit »Lass uns gehen«.  Und mitten in diesem herrlichen Tohuwabuhu stimmen die beiden Jungs an: Hallo, hallo/Bist du auch so gelangweilt/Genervt und gestresst von der Enge der Stadt/Bist du nicht auch längst schon müde/der Straßen, der Menschen, der Massen/Hast du das nicht satt?

Und mir schießt durch den Kopf: Ich habe gar nichts satt!