Mein Moment des Jahres (7)

Verhaltensmuster von Pauschalurlaubern

Als um 20 Uhr das Büffet aufgetragen wird, hat sich die Terrasse bereits mächtig gelehrt. Der Salon bietet allenfalls für die Hälfte der Gäste einen Sitzplatz. Die erste Reihe ist bereits vollständig von herausgeputzten Damen besetzt, die auf dem Schoß einen vollgepackten Teller vom Büffet balancieren und Probleme beim Zerteilen eines Hühnerbeins haben. Eine hat sich umgezogen und trägt ein weißes Cocktailkleid mit schwarz-rot-goldenen Streifen an der Seite. 

In der feinen Gesellschaft werden plötzlich Verhaltensmuster erkennbar, die man sonst eher von Pauschalurlaubern kennt. Bunte Blazer markieren Sitzplatzanspruch. Stühle werden zurechtgerückt. Mütter beraten ihre Kinder, von wo aus die Sicht auf den Bildschirm nachher garantiert barrierefrei sein wird. Einer der glatzköpfigen Werber sucht den Hausmeister, damit dieser den Fernsehton aufdreht. Schließlich sei Vorberichterstattung und er will wissen, ob Jogi Löw sich wieder »so einen Taktik-Schwachsinn« wie bei der letzten EM gegen Italien hat einfallen lassen.

Die ohnehin aufgeheizte Stimmung überschlägt sich.

 

Das Spiel beginnt 21 Uhr. Auf der Terrasse sind nur noch unsere Gastgeberin mit zwei Freundinnen und ein Säugling im Kinderwagen. Der Salon hat sich in dampfende Gardinenkneipen verwandelt. Männer reichen von Tabletts Biergläser in die Reihen. Die Kinder lümmeln in ihren Seidensakkos vor den Damen in der ersten Reihe auf dem Boden. Ein Werber bietet einer vollschlanken Blondine im blauen Abendkleid eine Hälfte seines Hockers an.

 

Als Mesut Özil das 1:0 erzielt, beginnen die Kinder mit »Özil! Özil«-Schlachtrufen. Der Literaturprofessur neben mir erklärt seiner adretten Frau, welche Bedeutung der zierliche Kicker aus Gelsenkirchen-Bismarck seit Jahren in der DFB-Elf besitzt. Im Vorraum beginnen derweil unsere Gastgeber damit, die Musikanlage für den Gesangsvortrag aufzubauen. Dann gleicht Bonucci aus – und die ohnehin aufgeheizte Stimmung überschlägt sich.

Es geht hier jetzt nur noch um Fußball.

Der Gastgeber erklärt seiner Frau, dass es nun Verlängerung gäbe. Zwei Männer zweifeln lautstark die Eignung des alternden Nationalspielers Schweinsteiger an. Eine Dame in der ersten Reihe gießt sich vor lauter Aufregung den Rotwein übers Kleid. Als sie es bemerkt, lacht sie kurz auf, wischt mit der Hand über den Fleck und wendet geistesabwesend ihren Blick wieder dem Bildschirm zu. Es geht hier jetzt nur noch um Fußball.

 

Als die Verlängerung zu Ende ist, steht die Gastgeberin mit Tränen in den Augen in der Tür und fragt, ob nicht alle mal in den Vorraum kommen möchten. »Die Kinder haben etwas vorbereitet.« Niemand hört sie. Ihr Mann erklärt ihr, dass es nun noch ein Elfmeterschießen gäbe und dass jetzt alles sehr spannend sei und sie sich noch kurz gedulden möge. Denn nach diesem »Elfmeterschießen« wäre das Spiel auch wirklich vorbei. Es ist halb zwölf.  Der Hausmeister steht neben ihr und in seiner Kitteltasche klimpert der Schlüsselbund.