Mein Moment des Jahres (7)

Aufgeschoben, nicht aufgehoben

Am Ende eines öden Fußballjahres erinnert sich Tim Jürgens an das EM-Viertelfinale Italien gegen Deutschland – und die immer wieder unwiderstehliche Magie dieses Spiels.

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2016, du alte Schnarchnase, was war los mit Dir? Ein Jahr wie lappiges Schwarzbrot in einer sahnetriefenden Kicker-Konditorei. Wir werden wir Dich wohl nur in Erinnerung behalten, weil der Kaiser seinen Nimbus der Unfehlbarkeit einbüßte, das Konzept des Retortenklubs endgültig Wettbewerbsfähigkeit bewies und sich die letzten Welpen des »Sommermärchens« aufs Altenteil verabschiedeten.

Und doch brachtest Du mir zurück ins Bewusstsein, wie unwiderstehlich Fußball sein kann und welch integrative Kraft das Spiel selbst in so öden Jahren wie 2016 entfalten kann.

Mein Gott, wie viel Lebenszeit habe ich bei der Europameisterschaft vor der Mattscheibe vergeudet? Wie hat sich diese Vorrunde in die Länge gezogen? Die mauernden Portugiesen, die zweifelnden Franzosen, ich bitte Dich: England!? Und dann müssen im Viertelfinale die einzigen beiden Teams gegeneinander spielen, die bis dato halbwegs in Normalform aufgetreten sind: Italien gegen Deutschland.

Um Mitternacht muss Schluss sein


Ich bin an diesem Tag zu einem 50. Geburtstag am Wannsee eingeladen. Ein befreundetes Ehepaar hat geladen, beide sind kurz zuvor fünfzig geworden. Die Feier findet in einer Villa statt, die früher einem berühmten Maler gehört hat. Im oberen Stockwerk sind Kunstwerke ausgestellt, die Millionen kosten und von unschätzbaren kulturellem Wert sind. Deswegen beginnt die Party bereits am Nachmittag. Um Mitternacht muss Schluss sein, danach verfällt bis zum Morgengrauen der Versicherungsschutz.

Die Jubilare begrüßen auf einem Steg, der zwanzig Meter in den See hineinragt. Sie haben Aphorismen vorbereitet, die sich allesamt um die Zahl »50« drehen. Jeder Abschnitt wird höflich beklatscht, Humoriges belacht, Nachdenkliches freundlich achja–t. Um mich herum: Männer im besten Alter. Frauen in Ballkleidern und Blazern. Kunstszene, Geldadel, Universitätsmitarbeiter. Kinder, die Seidensakkos mit Einstecktuch tragen, derweil ihnen das weiße Hemd am Rücken zerknittert aus der Hose rutscht. Dazu: Drei glatzköpfige Werber in schwarzen Hemden.

Ein Fernseher und ein paar Stühle


Die Gastgeberin sagt, sie interessiere sich nicht für Fußball. Aber sie habe gehört, dass heute wohl ein wichtiges Spiel sei, deshalb habe sie den Hausmeister gebeten, im Salon für »Fans« – sie spricht das Wort aus, als sei es ein ihr bis dato unbekannter Slang-Begriff, den sie bei englischen Freunden aufgeschnappt hat – einen Fernseher und ein paar Stühle aufzustellen.

Als Entrée in die Feierlichkeiten werden wir in Kleingruppen durch das Haus geführt und mit Kunst und dem Leben des Künstlers vertraut gemacht. Anschließend trifft sich die Gesellschaft auf der Terrasse mit Seeblick bei Kaffee, Torte und teurem Sekt. Die Caterer am Getränkestand sind zuvorkommend, sie haben sich den roten Schlips auf Brusthöhe zwischen zwei Knöpfen ins weiße Hemd geschoben.

Höhepunkt der Feier, das ist klar, soll ein Gesangsvortrag der beiden Söhne unseres Geburtstagspaars am späteren Abend werden. Gefühlige Hits der zurückliegenden Chartsaison, Tim Bendzko, Revolverheld, Max Giesinger, irgendwas in diese Richtung.