Mein Moment des Jahres (5): Real gewinnt gegen Bayern

Eau de Mou

Halbfinale in der Champions League, Rückspiel in München. Um 21:20 Uhr steht es null zu drei. 30 Minuten in totaler Stille. Unser Autor Alexander Langer erinnert sich.

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Die Bühne war bereitet: Ein Freund vom Freund vom Freund hat den Exit mit seinem ersten Startup ziemlich sahnig hinbekommen. Davon hat er sich binnen kürzester Zeit eine Wohnung in Berlin Mitte, einen gebrauchten 911 sowie eine neue Freundin besorgt. Die neue Freundin war zum Rückspiel Bayern gegen Real nicht da, dafür lehnte in einer Ecke der neuen Wohnung ein Gewehr, was niemand sich zu kommentieren traute. Außerdem im Dreizimmer-Domizil: ein Bett, zerwühlt, ein großer Fernseher mit Xbox. Auf dem Balkon: ein zweiter, größerer Fernseher. Man lebt spartanisch. Aber wozu auch Möbel besorgen, wenn man als Früh-Frührentner sowieso den ganzen Tag im zweiten Gang im Porsche durch Mitte pirscht und abends nur zum Fußballgucken auf dem Parkett loungt?

Zum Halbfinal-Rückspiel haben sich auf dem Balkon junge Typen eingefunden, die sich auf einer Stufe mit Bayern und Real wähnen. Siebenundzwanzigjährige Power-Pros, die es gewohnt sind, nach 90 Minuten den Daumen entweder nach oben zu recken oder gen Boden zu drehen, um im nächsten Augenblick von der Praktikantin Flüge buchen zu lassen: für die nächste Ausfahrt bei einer Rallye in Rumänien oder zum Armbanduhr-Shopping in Kapstadt. Junge Zyniker, die wissen, dass sie Zyniker sind, was sie zynisch zwischen zweimal Nippen am Tiger Beer verhandeln.

Natürlich gibt es für dieses Publikum auf der Welt keine geeignetere Partie als Bayern gegen Real.

Real: der stiernackige Pressing-Prolet
 
War ja alles schon fest geplant: Die Bayern, auf ihrer Seite eine ganze Reihe an überschriftenfertigen Elogen: Der Vorjahressieger. Bayern München: Die beste Mannschaft der Welt. Pep Guardiola: Der beste Trainer der Welt. Die Bayern im Mai 2014 schon lange keine Fußballmannschaft mehr, sondern mittlerweile kurzpassende Savants, die man auch als Nicht-Bayern-Fan goutieren darf, als Ästhet, als Bewegungsbegeisterter, als Freund des Sports, als Feind des Sports, als jemand, der mit seinem Jutebeutel eigentlich lieber in Galerien rumhängt und sich Zigaretten dreht.

Dagegen Real Madrid als stiernackiger Pressing-Prolet, der dir im rosa Hemd auf den Rücken schlägt und grinsend sein neues Bizeps-Tribal ins Gesicht hält – und der dann die Galerie kauft, cash, um ein Geschäft für Muskelaufbau-Eiweiß in die Räume zu holen. Ganz klar: Real spielte im April 2014 Fußball für Menschen, die das Wort Dezenz am liebsten mit einem BMW X6 überrollen. Mehrmals, im Vorwärts- und im Rückwärtsgang.

Auf dem Balkon des jungen Neu-Millionärs stießen wir an und waren uns einig: Es würde hart werden, aber Bayern würde mit der Kraft des Lichts und kosmischer Gerechtigkeit den Rückstand aus dem Hinspiel wettmachen und am Ende ins Finale einziehen.

Nach 30 Minuten lagen sie null zu drei hinten.
 
Im Achtel- und im Viertelfinale hat Real Madrid deutsche Teams zermalmt, hat zuvor Schalke dominant und Dortmund mit viel Glück ausgeknockt. La Bestia Negra? Bayern München, der ewige, verdammte Angstgegner? Wer Real in der ersten Halbzeit beim Spielen Schrägstrich Kämpfen zusah, der merkte, dass hier ein Team besessen war, die eigene Vergangenheit und alle Angstgegner auf einmal zu besiegen. Und das mit einem Spiel, das auch in den Wochen danach für die Weltmeisterschaft stilbildend werden sollte. Ein Spiel weit weg von den Kurzpass-Stafetten der Guardiola-Teams Barca und Bayern, hin zum herzhaft zulangenden, kraft- und körperbetonten Kick.

Eau de Mou

Madrid hatte hinten mit Pepe einen original Jan-Wouters-Gedächtnis-Stinkstiefel im Team, stellte mit dem giftigen Angel Di Maria einen torgefährlichen Außen, dazu Sergio Ramos, der bei Standards nach vorne stößt, sowie mit CR7 und Karim Benzema zwei Brecher in der Offensive. Kurz: Junge Menschen, für die Mark van Bommel auch noch nachträglich freudig die Vaterschaft annehmen würde. Ganz klar, dieses Real verströmte an allen Ecken selbst unter Carlo Ancelotti noch ein bisschen Eau de Mou, der portugiesische Über-Trainer wirft immer noch als Pate seinen Schatten. In den ersten dreißig Minuten feuerte Real ein Pressing ab, das dem Dachverband Deutscher Hebammen e.V. ein anerkennendes Uiuiui entlockt.