Mein Moment des Jahres (4)

Horst gegen Neymar

Als Welten aufeinandertrafen: Jens Kirschneck über seinen Fußballmoment 2016 beim Finale des Olympischen Fußballturniers.

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Als das Spiel vorbei ist, stehen die beiden Männer nur wenige Meter voneinander entfernt, und doch scheint es, als stammten sie von unterschiedlichen Planeten. Der eine ist jung, sorgsam frisiert und trägt eine Krone auf dem Kopf. Obwohl er gewonnen hat, wirkt er eher erleichtert als glücklich. Der andere ist älter an der Grenze zu alt, er hat keine Frisur im engeren Sinne, schwitzt und trägt ein ausgeleiertes T-Shirt, unter dem sich ein amtlicher Bauch abzeichnet. Obwohl er verloren hat, strahlt er und sagt in das sich ihm entgegen streckende Fernsehmikrofon: »Sehen Sie mich weinen? Ich lache die ganze Zeit.«

Horst Hrubesch und Neymar, das sind nicht nur mehr als 40 Jahre Fußballgeschichte, sondern auch eine Frage: Ist das noch die gleiche Sportart? Dort der Millionenmann, fragile Melkkuh einer globalen Sponsorenschaft. Hier der Mann der alten Schule, passionierte Angler und empathische Fels in der Brandung, über den sein Spieler Max Meyer sagt: »Der Trainer ist wie ein Vater. Wir wollten ihm Gold schenken, aber das hat leider nicht geklappt.«

Ruppiger Charme und gütige Autorität

Und damit ist auch schon die Frage beantwortet, ob die moderne Fußballwelt zu klein für Neymar UND Horst Hrubesch ist. Denn bei der aktuellen Spielergeneration kommt das kantige Kopfballungeheuer a.D. glänzend an, sie liebt seinen ruppigen Charme und die gütige Autorität. Zumindest gilt das für jenes deutsche Team, gegen das Neymar an diesem Abend gespielt hat. Was der Superstar selbst von einem Trainer Hrubesch halten würde, ist nicht bekannt, es wäre aber ein interessantes Experiment.

Dass das brasilianische Wunderkind und der deutsche Traineropa im Endspiel aufeinandertreffen würden, war im Vorfeld des Olympischen Fußballturniers nicht abzusehen gewesen. Während das Turnier im Gastgeberland gehobene Priorität genoss, allein schon um das Trauma der Heim-WM zwei Jahre zuvor zu überwinden, telefonierte sich DFB-Sportdirektor Hansi Flick bei den meist wenig kooperativen Klubs die Finger wund, um eine halbwegs schlagkräftige Truppe zusammenzubekommen. Das Ergebnis war eine Mischung aus B-Nationalspielern und hoffnungsvollen Talenten, die noch auf den ganz großen Durchbruch warten, mit anderen Worten: ein Mannschaft, bei der man froh sein durfte, wenn sie nicht schon in der Vorrunde rausflog.

»Der Bus fährt halb zwei. Seht zu, dass ihr vorher was Ordentliches esst.«

Dann aber kam Hrubesch. Der jammerte nicht, sondern nahm den Kader so wie er war (und schenkte ihm sein Vertrauen). Verzichtete achselzuckend auf eine ausführliche Vorbereitung, sondern verlegte das Einspielen kurzerhand in die Gruppenphase. Sagte Sätze wie: »Der Bus fährt halb zwei. Seht zu, dass ihr vorher was Ordentliches esst.« Also all das, was man im modernen Profifußball NICHT macht. Dass man auch damit ins Finale eines großen Turniers kommen kann, ist vielleicht die schönste Pointe des Fußballjahrs 2016.

Dort also Deutschland gegen Brasilien. Horst gegen Neymar. Am Ende entscheidet ein letzter Elfmeter, verwandelt vom Goldjungen persönlich, womit der Gastgeber immerhin ein bisschen sein Trauma vom schrecklichen 1:7 im WM-Halbfinale 2014 überwunden hat. Derweil in Deutschland die Fußballromantiker vor den Bildschirmen sitzen und sich darüber freuen, dass ihnen Horst Hrubesch den unter der Last des vielen Geldes ächzenden Glauben ans Spiel zurückgegeben hat, zumindest für einen Abend. Danach ist der Mann vermutlich zum Angeln gefahren.