Mein Moment des Jahres (3): Bielefeld in der Relegation

2:4, Ende, aus!

An dieser Stelle schreiben unsere Autoren normalerweise über besonders großartige und feierliche Momente. Redakteur Jens Kirschneck erinnert sich an den Abstieg seiner Arminia. Müssen wir uns Sorgen machen?

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Ist es masochistisch, etwas zum Fußballmoment des Jahres zu erklären, was den Abstieg des eigenen Lieblingsvereins zur Folge hatte? Bestimmt, doch in vorliegenden Fall ist es absolut zwingend, verdichtete sich doch an diesem Abend das dramaturgische Potential des Fußballs zu einem der spektakulärsten Comebacks, das ich jemals in einem Stadion erleben durfte (musste).

Die Relegation zwischen der zweiten und dritten Liga war im Grunde bereits nach dem Hinspiel gelaufen. Da war zum einen Arminia Bielefeld, das sich in der letzten Phase der Saison am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen und unter anderem unter ziemlich spektakulären Umständen 3:2 bei Dynamo Dresden gewonnen hatte. Demgegenüber Darmstadt 98, Überraschungsmannschaft der Drittligasaison – spielerisch vermeintlich limitiert, aber kampfstark und grundsolide. Nur schien die Aufgabe für die Darmstädter dann doch eine Nummer zu groß zu sein, sie verloren ihr Heimspiel schmucklos mit 1:3.

Darmstadt hielt sich nicht an die zugewiesene Rolle

Nach solch einem Ergebnis ist die Ausgangsposition im Grunde klar, man könnte fast meinen, es gebe so etwas wie eine unausgesprochene Übereinkunft: Die einen wollen die verbleibenden neunzig Minuten einfach noch schadlos über die Bühne bringen, die anderen immerhin ihr Gesicht waren. Allein, die Darmstädter hielten sich nicht an die ihnen im Rückspiel zugewiesene Rolle. Sie nahmen ihr Herz in beide Hände, wie man so sagt, und versuchten den Bielefelder Spielern und ihren 25.000 Fans auf den Rängen tüchtig Angst zu machen – und die nahmen die Anregung gerne auf.

Selten hat man die Wendung, die ein Fußballspiel nehmen würde, so physisch spüren können wie an diesem Frühsommerabend. Auf der einen Seite: das klamme Gefühl der Angst, auf dem Platz, auf den Rängen. Andererseits: Mut, Zuversicht und auch ein bisschen Sorglosigkeit – denn es gab ja eh nichts mehr zu verlieren. Spätestens nach dem 0:2 verdichtete sich im Stadion die unterschwellige Gewissheit, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen würde. Die Bielefelder Spieler wurden von Minute zu Minute nervöser, die anfangs noch euphorischen Anhänger verstummten, und oben auf der Haupttribüne kauerte der Geschäftsführer des DSC Arminia hinter den Boxen des übertragenden Fernsehsenders und rauchte mit wächsernen Zügen eine Zigarette nach der anderen.

So nahmen die Dinge denn ihren scheinbar vorherbestimmten Lauf. Mit 1:3 ging es in die Verlängerung, wo selbst das zwischenzeitliche 2:3 den Gastgebern keine neue Sicherheit brachte. Und dann kam Sekunden vor Schluss Elton da Costa. 2:4, Ende, aus.

Chaos in der Nachspielzeit der Nachspielzeit

Na ja, nicht ganz, und eigentlich zeigt erst der Epilog so richtig die Besonderheit dieses Fußballabends. Es war in der Nachspielzeit der Nachspielzeit der Verlängerung, als den Bielefeldern noch ein Freistoß zugesprochen wurde. Der Ball segelte in den Strafraum, ein mittleres Chaos entstand, aus dem heraus das Leder an den Darmstädter Pfosten trudelte. Doch so richtig hat das niemanden mehr aufgeregt, weil eine erneute Wendung einfach undenkbar war. Um es mit »Lilien«-Trainer Dirk Schuster zu sagen: »Es stand außer Frage, dass wir nach diesem Spiel als Sieger vom Platz gehen.«

Nun mag diese Aussage nicht mit den Naturgesetzen in Einklang stehen, weil: Pfosten bleibt Pfosten und fünf Zentimeter weiter rechts ist er drin. Aber dennoch – ich war dabei, ich weiß, was er meint. Und der Mann hat so was von recht.

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