Mein Lieblingszehner: Bernd Schuster

Blonder Bengel

Bernd Schuster war der größte Zehner, den Deutschland je hervorgebracht hat. Doch der Zeitgeist verhinderte, dass der Freigeist sich entfalten konnte.

imago images
Heft: #
Spezial

In unserem aktuellen 11FREUNDE-Spezial beschäftigen wir uns mit »Die Zehn - Magier und Denker des Spiels«. Die Ausgabe ist online bestellbar und am Kiosk eures Vertrauens erhältlich.  >>>

Die WM 2018 gab mal wieder Anlass über Typen wie ihn zu sprechen. Wenn es im deutschen Fußball läuft, tröten Medien gern in das Horn, das die sportliche Führung des DFB bläst, von wegen »der Star ist die Mannschaft« und »nur das Kollektiv gewinnt Titel«. Läuft es aber daneben – und in Russland ist es so richtig in die Grütze gegangen – fragen sich plötzlich alle, wie es nur angehen kann, dass es dem deutschen Fußball an Individualisten, an Künstlern und Egozentrikern mangelt, die, wenn‘s drauf ankommt, fast im Alleingang den Gegner satt machen können.

Schuster hatte alles

Wer darauf eine ernsthafte Antwort möchte, braucht sich nur die Karriere des Bernd Schuster anzuschauen. Der Augsburger hatte alles, was einen epochalen Zehner auszeichnet. Er ahnte Spielsituationen voraus. Schlug noch im fortgeschrittenen Alter mehr punktgenaue Pässe aus der eigenen Hälfte an Gegners Strafraum, als Netzer in seinen besten Jahren. Schuster besaß die Robustheit des Teutonen, die Technik und den Innovationsgeist eines Südamerikaners, den Spielwitz eines Niederländers und die Cleverness und Zickigkeit, die damals noch Spaniern und Italienern nachgesagt wurde.

Doch er teilte das Problem vieler, die so reichhaltig mit einem speziellen Talent gesegnet sind: Im sozialen Bereich fehlten ihm die entscheidenden Prozente, um sich in einem Land zu entfalten, dass auch bei seiner fußballerischen Philosophie viel Wert darauf legt, dass alle im Gleichschritt marschieren. Der oberschwäbische Bruddler schnappte schnell ein, wenn ihm etwas nicht passte. Dabei hätte man es ihm nachsehen können, schließlich war Schuster doch Lichtjahre entfernt von jenen Laufwundern und Zerstörern, die damals für den DFB die Erfolge erkämpften.

Die kurze Epoche des Freigeists

Mit knapp 19 wurde er schon beim frischgebackenen Double-Gewinner, dem 1. FC Köln, von Hennes Weisweiler zum Leader bestimmt. Er war viel zu früh viel zu gut, um sich vom hemmenden Kollektivgedanken seiner Innovation berauben zu lassen. Günter Netzer, wie Schuster ein Freigeist, entstammte einer anderen Generation. Er war aufgewachsen im Sportschulenklima der frühen Sechziger, wo ein Fußballer gar nicht durchkam, wenn er nicht ein Mindestmaß an Anpassungsfähigkeit besaß. Netzer musste sich erst frei schwimmen. Und er besaß genug Intellekt und Talent, um im provinziellen Mönchengladbach zu einem Fürsten des Rasenvierecks zu gedeihen, wie es vor ihm keinen gegeben hatte. Netzer nutzte auch sein Momentum bei der Nationalelf, als zu Beginn der Siebziger beim DFB für einen Augenblick Chaos und Freiheit die Struktur im System vorgaben – nicht zuletzt, weil neben ihm zahllose andere hochtalentierte Spieler zauberten. Und er war anschließend schlau genug zu erkennen, dass sein Rivale Wolfgang Overath der geeignetere Nationalspieler war, als sich der kurze Sturm der Euphorie zugunsten des gewohnten Ergebnisfußballs zur WM 1974 wieder legte.

15 Bücher

15 Bücher

Feinde des Sports